Einhorngeschichte Teil 9 – Wüstenrose (gekürzte Fassung)

Die Blume des Lebens

Einhorngeschichte aus der Wahrnehmung geschrieben

Eine Herde Einhörner galoppiert über eine tote Steppenlandschaft. Überall um sie herum ist Wüste, ein rissiger brauner Boden der schon Jahre lang keine Feuchtigkeit zu spüren bekommen hat, breitet sich um sie aus. Sie kennen es nicht anders, können sich nicht erinnern, je etwas anderes gesehen zu haben. Nur diese trockene Dürre. Wie getrieben rennen sie ohne Pause und Halt weiter, immer weiter, einem großen hellen Licht entgegen. Es steht am Firmament, strahlt in all seiner Kraft, und zieht sie wie magisch in seinen Bann. Keines der Einhörner kann anders, als dem Licht entgegen zu laufen. Es ist wie ein Sog, eine starke Kraft, die sie zu rufen scheint. Doch nicht alleine das ist der Grund für ihr fast panisches Fliehen, für ihr unaufhaltsames Treiben. Denn auf der anderen Seite, hinter den Einhörnern, gar nicht all zu weit entfernt, verfolgt sie eine große schwarze Wolke die unheilvoll jeden ihrer Schritte einholt. Sie hat eine Aura von Bedrohlichem, Angst einflößendem um sich. Ganz instinktiv versuchen die Einhörner ihr zu entkommen, sie können gar nicht anders. Die Furcht vor dieser einengenden Dunkelheit ist riesig. Was würde wohl passieren, wenn man sie berührte? Keines der Einhörner wollte dies jemals erfahren. Zu große Panik kam in ihnen auf, dachten sie nur an dieses schwarze Etwas. Sie versuchten sich in ihrer Angst sogar gegenseitig davon abzulenken.

Schau nicht hin. Guck nach vorne, da wartet eine gute Zukunft auf uns.“ Doch wie lange waren sie jetzt schon unterwegs gewesen.. und wie lange hatte sich nichts geändert an ihrer Situation. Rein gar nichts.. Es fühlte sich so an, als wären sie dem Licht keinen Schritt näher gekommen. Und dabei rannten sie doch den ganzen Tag nur so drauf zu.. Sie taten nichts anderes, hatten keinen anderen Lebenssinn, als sich dem verheißungsvollen Strahlen hinzugeben. Wie lange sie wohl schon unterwegs waren.. Niemand konnte sich erinnern, dass es je anders gewesen war. Und auch niemand wusste, ob es hier je anders ausgesehen hatte. War dies mal eine blühende Landschaft gewesen? Bei dem Gedanken bekamen sie Gänsehaut. Aber das war doch zu phantastisch.. Spinnerei. Es gab keine Überlieferungen die besagten, dass die Welt jemals anders ausgesehen hatte. Es war schon immer so gewesen, und würde auch immer so bleiben. Da waren sie sich sicher. Kein Tier lebte in dieser Welt, kein Insekt, keine Pflanze. Es war die reinste Wüste. Der Tot lag über der Welt, wie eine große Hand griff er nach allem, was er in die Finger bekam. Und verschluckte es und alles Leben, sodass es auch zur Dunkelheit wurde. Hier gab es keinen Regen, keine Flüsse, kein Meer. Keine einzige Wolke am Himmel. Kein lebenspendender Saft der die trockenen Kehlen der Einhörner befeuchten konnte.

Viele waren mit den Jahren schon gegangen. Die Flucht war anstrengend und laugte einen aus, kraftlos gingen sie zu Boden und wurden nie mehr gesehen. Doch man durfte nicht zurück schauen, nicht hin sehen, was passiert war. Einer weniger..na und. So gingen sie halt alle zu Grunde. Früher oder später.. würden sie alle der Schwere des Lebens zu erliegen kommen. Die Dunkelheit würde sie aufsaugen, und zu seinem Instrument des Bösen machen. Und dann würden sie alle dunkel werden, und dunkle Dinge tun. Weil sie vergessen hatten, wer sie waren. Wer sie wirklich waren.

Viele glaubten an diese Wahrheit. „Die Welt geht den Bach runter.“ Sagten sie. „Die Apokalypse wird kommen. Und dann werden wir alle vor die Hunde gehen.“ Es gab so einige „Realisten“ unter ihnen, sie glaubten nicht an das Gute, nicht, dass sich alles noch ändern könne. Sie glaubten an das, was sie sahen. Und sie ließen sich von ihrer Angst treiben. Nicht einmal nach hinten zu schauen wagten sie sich. Das Böse könne sie einnehmen und schwach werden lassen. So glaubten sie. Es würde von ihnen Besitz ergreifen, und sie würden wahnsinnig werden. Also bloß nicht nachgeben, immer schön beharrlich weiter machen, was sie eh schon die ganze Zeit machten. Denn das taten ja eh alle. Und wenn alle es tun, dann muss es doch richtig sein, oder?

Jeder, der es wagte an dem Altbekannten zu zweifeln, wurde ausgelacht. „Diese Bekloppten. Diese Verschwörungstheoretiker! Was ist nur verkehrt mit denen?“ Manche wurden sogar gehetzt, mundtot gemacht. Wie konnten sie es wagen, ihr aufgeklärtes Weltbild zu hinterfragen. Das war doch wirklich lächerlich. Einige dieser Einhörner verschwanden über Nacht auf unerklärliche Weise. Doch man machte sich keine Gedanken darum. Ein Schwachsinniger weniger der an ihrem Weltbild rüttelte.

Unter den Einhörnern waren viele Gleichgesinnte. Familien, Freunde, Nachbarn. Sie alle steckten im selben Boot. Sie halfen sich wenn sie konnten, doch meist kämpfte jeder für sich. Mann musste zusehen, dass man stark genug blieb, um der großen körperlichen Belastung standhalten zu können. Dies klappte ganz gut mit Kaffee, Aufputschmitteln, körperlichen Freuden.. Es wurde nach jeder erdenklichen Möglichkeit gesucht, den schweren Alltag überstehen zu können, und dabei war jedes Mittel recht. Viele nahmen sich, was sie brauchten. Ohne Rücksicht auf andere. Sie stahlen, betrogen, verrieten. Sie missachteten den freien Willen anderer, beuteten sie aus, missbrauchten. Jede Methode war rechtmäßig. Denn der Zweck heiligt ja bekanntlich alle Mittel.

Da alles so schnell ging, und ja auch alle so in Eile waren, musste sie zusehen, dass sie nicht vom großen Dunklen verschluckt werden, und so viele Missetaten wurden einfach unter den Tisch gekehrt. Es gab nicht genug Zeit sich mit all diesen Ungehörigkeiten auseinanderzusetzen und sie zu verfolgen. Dies gab vielen das Gefühl, sie könnten machen, was sie wollten. Und sie nutzten jede Lücke im System aus, um ihre Gaunereien durchzusetzen. Es war der reine Überlebenskampf. Überleben des Stärkeren, wurde es auch genannt.

Eine kranke Menschheit in einer kranken Welt.

Doch es gab auch die Lichtblicke unter den Einhörnern. Wo viel Schatten ist, da ist auch viel Licht. So wird es gesagt. Das Einhorn unserer Geschichte befindet sich inmitten dieser Herde von Gleichgesinnten. Hier sind seine Freunde, seine Familie. Viele dieser Wesen sind ihm vertraut, er fühlt eine Liebe zu ihnen, sie leben Seite an Seite und erleben so manch Abenteuer zusammen. Einige Zeit lang gefällt es ihm sogar ganz gut so. Die Welt ist zwar nicht besonders schön, und es ist anstrengend immer zu laufen, aber er kann es gut ab, denn er ist jung und vital. Die Menschen haben es ihm angetan, er verbringt gerne Zeit mit ihnen und genießt viele Vorzüge dieses Lebens in vollen Zügen. Lange, sehr lange nimmt er die Welt so hin, wie sie ist. Alles ist gut so. Der Moment ist perfekt. Würde es nach ihm gehen, dann könnte es auch noch lange so weiter gehen. Es gab keinen Grund, etwas anders zu machen. Es war doch alles gut so. Viele Dinge dieser Welt bereiteten ihm Freude, Dinge, die auch den anderen gefielen. So konnte er sich verbunden fühlen, und hatte nicht das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Warum nicht nehmen was sich ihm bot? Warum hinterfragen, was das alles sollte? Immerhin war das Gefühl doch da, und das war ja das wichtigste. Wenn es ihm Spaß machte, Freude bereitete, wo war dann das Problem?

In dieser Welt würde ihm wohl kaum jemand sagen, dass es ein Problem war. Denn immerhin taten es ja alle so. Auch die anderen wollen nur Spaß, Freude, sich gut fühlen, glücklich sein. Wer dachte da schon an die Umwelt? Es war schwer genug für sich selbst zu sorgen, zu schauen, dass man alles hatte, was man brauchte. Warum sich also noch unnötig das Leben erschweren, indem man auf andere oder sogar die Natur Rücksicht nehmen sollte? Denn diese Welt war tot.. da gab es kein Leben. Ausgedörrt.. verhungert.. Jeder Lebensenergie entzogen. Was sollte er denn machen, wenn es kein Wasser gab? Was sollte er denn machen, wenn es nicht regnete? Wie sollte er denn der Welt zu neuem Leben verhelfen? Es schien ausweglos. Keiner hatte dazu eine Antwort parat. Die Zerstörung wütete weiter, es wurde getötet, entehrt, verungöttlicht. Und niemand schien etwas dagegen tun zu können. Eine traurige Welt. Trostlos. Ohne Hoffnung.

Viele stürzten sich in Vergnügungen, nur um der schrecklichen Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Sie lenkten sich ab mit Videospielen, Filmen, Serien, Genussmitteln.. Parties, Spiel und Spaß.. alles nur, um der harten Wirklichkeit zu entfliehen. Es war verständlich, niemand wollte Trübsal blasen oder depressiv in der Ecke hängen. Niemand wollte sich für den Weltschmerz öffnen und sich davon zu Boden bringen lassen.

Denn der Schrei war so laut und schmerzhaft, wenn man ihn hörte, war das ein unerträgliches Leid für die Seele. Deshalb am besten gar nicht erst hin hören. Oder?

Unser Einhorn fühlt sich lange Zeit wie zerrissen. Einerseits spürt er den Schmerz, andererseits weiß er nicht, was er dagegen unternehmen soll. Eigentlich möchte er doch nur ganz normal sein und es sich gut gehen lassen. Seine Gefühle behält er für sich. Kann es doch sowieso niemand nachempfinden, was er da spürt. Dafür gibt es keine Worte. Wie soll man das anderen beschreiben? Es fällt also nicht sonderlich auf, als er nach und nach neue Wege geht. Er sucht eine Möglichkeit, um mit diesen schmerzhaften Empfindungen umzugehen. Nach langer Suche findet er die Lösung. Gefühle annehmen und liebevoll umarmen. So lässt es sich zumindest aushalten. Es ist nicht leicht, und kostet ihn all seine Kraft.

Doch es wird leichter, auch wenn es viele Jahre dafür braucht bis er sich endlich verankert fühlt im Hier und Jetzt. Langsam weitet sich seine Wahrnehmung. Hatte er doch bisher nur sich fühlen können, seinen Schmerz, so fängt er jetzt an um sich zu schauen. Wo war er hier eigentlich gelandet? Er blickte nach links, nach rechts. Sah seine Nächsten, seine Freunde, Familie, Kollegen. Warum waren sie hier? Was war das eigentlich für ein Ort, und wo rannten sie die ganze Zeit gemeinsam hin? Seltsam distanziert fühlt er sich plötzlich von allem. Das war doch sein Zuhause, hier gehörte er hin. Das war sein Leben, das war seine Familie, seine Welt. Und dennoch.. überkommt ihn ein merkwürdiges Gefühl. Eine Ahnung, als gäb es da draußen noch etwas anderes. Aber wo? Egal wohin er blickte, überall nur tote Erde. Sollte es wohl irgendwo auf dieser Welt einen Flecken Natur geben? So lange waren sie schon gerannt.. und hatten so viele Orte gesehen. Aber nirgends hatte es anders ausgesehen. Er konnte es sich nicht vorstellen. Zumindest würden sie diesen Ort, zumal er denn überhaupt existierte, nicht auf ihren üblichen Weg finden. Wenn das der richtige Weg war, immer nur dem Licht entgegen zu laufen, dann wären sie schon längst an irgendetwas vorbei gekommen, das noch Leben in sich trug. Das wurde ihm jetzt klar.

Die Definition von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das kommt ihm gerade in den Sinn. Und genau das taten sie.. immer das Gleiche. Schon seit Urgedenken. Das war der reine Wahnsinn. Er beobachtete die anderen, sah, wie sie sich verhielten, hörte zu, was sie sagten. Er schaute, wie sie sprachen, und ob sie wirklich meinten, was sie von sich gaben. Sprachen sie da ihre eigene Wahrheit, oder gaben sie nur etwas wider, was sie gehört oder gelesen hatten? Kamen die Worte von Herzen? Oder aus dem Verstand? Waren sie eins mit der Welt, verbunden mit Allem was ist, oder waren sie getrennt. Er fing an zu hinterfragen, was sie taten, und warum sie es taten. Wussten sie es überhaupt? Machten sie sich überhaupt Gedanken darüber, was ihr Handeln bewirkte? Viele der anderen schienen ihm plötzlich so unbewusst. Sie taten und machten, den lieben langen Tag, was ihnen gesagt wurde, oder was von ihnen erwartet wurde. Alle machten das so. Aber konnte man es deshalb rechtfertigen?

Er fing an darüber mit den anderen zu sprechen. „Sag mal, weißt du was wir hier eigentlich machen?“ fragte er einen Freund. Doch dieser wundert sich nur über die Frage und möchte nicht weiter darüber sprechen. Warum so empfindlich? Es war immerhin nur eine Frage.. Und die war doch im Grunde gerechtfertigt, schaute man sich mal so um. Diese ungeschriebene Regel von Flüchten und dem Licht entgegen zu laufen, schien allen eingeprägt worden zu sein. Es war tief in ihrem System verankert, eine ganz reflexartige Reaktion, sich nur dem Schönen, dem Guten zuzuwenden. Das Dunkle war einfach unbekannt, sie hatten kein Wissen darüber, wussten nicht, wie es sich verhält, es schien willkürlich. Man konnte es nicht vorhersagen, welche bösen Missetaten wieder einmal daraus resultieren würden. Es war wie eine riesige Hand die über allen zu schweben schien, und völlig ohne Verstand und Sinn Opfer aussuchte, nach denen es griff. Doch eines war sicher:

Die Dunkelheit verabscheute das Licht, und wollte es mit allen Mitteln bezwingen. Es hatte einen unstillbaren Durst danach, das Licht in sich aufzusaugen und ebenfalls zur Dunkelheit werden zu lassen. So würde es die ganze Welt vernichten und in Dunkelheit hüllen.

Aus diesem Grund wurden Wesen mit dem größten strahlendsten Licht am meisten von ihr attackiert und unterdrückt. Es konnte doch einfach nicht sein, dass sie so schön waren und so viel Liebe in sich hatten. Der Dunkelheit war das ein Graus, sie konnte und wollte es nicht akzeptieren. Niemals, unter keinen Umständen, würde sie aufgeben. Ihr Werk der Zerstörung und Vernichtung beenden. Denn sie kannte keine Vernunft. Sie kannte nur Hass, Tod und Verderben. Und wollte, dass alles auch so wird wie sie. Das totale Gegenteil vom Göttlichen. Der reine Wahnsinn.

Lichtarbeiter nannte man die Menschen, die sich der Dunkelheit stellten und ihr strahlendes Wesen so sehr verstärkten, dass sie damit die Dunkelheit in Licht verwandelten. Dies war nie ein angenehmer Prozess, denn man musste sie vollkommen in sich aufnehmen und in ihrer Ganzheit, Abartigkeit, Gestörtheit fühlen. Sie zu umarmen war das einzige, was half, im Kampf gegen die Dunkelheit. Ihr Liebe schenken, sie verstehen, aber nicht unterstützen. Was sie tat, war nicht in Ordnung, mit welchen Mitteln sie es tat, war nicht tolerierbar. Doch sie konnte nicht anders. Es war ihr Wesen zu töten, zu verstören. Das war ihre Essenz. Und man würde sie niemals mit Vernunft davon abbringen können. Keine Überzeugungskunst der Welt würde helfen. Keine Argumente, wie gut auch immer sie waren würden sie umstimmen können. Und ihr die Schönheit zeigen, auch das brachte nichts, denn sie verstand nichts von der Schönheit. Sie berührte ihre Seele nicht, denn sie hatte keine Seele. So konnte sie sich an nichts erfreuen das schön war, nichts berührte sie oder gab ihr Freude. Traurig, auf eine Weise, aber wahr.

Auch unser Einhorn kannte diese Dunkelheit gut. Sie war ein immerwährender Begleiter, und er hatte große Probleme gehabt, sich an sie zu gewöhnen. Wenn man das denn überhaupt jemals kann. Möchte man in seinem Leben einfach nur glücklich sein, so ist es schwierig, wenn die Dunkelheit ständig an einem zerrt. Man möchte nur man selbst sein, mit den anderen verbunden, in Liebe und Freude. Doch immer wieder zieht es einen runter. In ein tiefes großes Loch hinein. Und man weiß nicht, wie man sich daraus befreien soll. Viele Abstriche muss man machen, es sind etliche Opfer zu bringen, immer wieder auf sein Glück verzichten und sich stattdessen in Dreck wühlen. Wie ein schlammiges Meer aus ekligen Gefühlen überkommt es einen, greift nach dir und will dich in die Tiefe ziehen. Hinab, wo du keinen Atem mehr spüren kannst, und dich einfach nur von Dunkelheit umhüllt, tot fühlst, als wäre kein Funken Leben in dir. Was für eine große Aufgabe, sich daraus zu befreien. Was für eine schier endlose Pein. Der Schmerz ist immens, und er frisst dich auf. Aber immer wieder scheinen Hoffnungsschimmer durch. Eine helfende Hand, ein gutes Wort, eine Erinnerung. An jemand oder etwas. Eine große Sehnsucht. Das Gefühl, auf jemanden zu warten, doch der kommt nicht. Oder doch? Soll man zweifeln, oder hoffen? Soll man aufgeben? Soll man sich treiben lassen, verschlucken lassen von der Schwärze, oder soll man kämpfen, stark bleiben, sich an jedem bisschen Hoffnung festklammern?

Ein großer Kampf zwischen Licht und Dunkelheit.

Beide zerren an einem, man weiß nicht, wem man sich hingeben soll. Wer hat denn nun Recht? Schaut man in die Welt da draußen, dann ist es ziemlich klar, dass sie von allem Guten verlassen wurde. Überall nur Mord, Totschlag, Verderben, Kriege, Hunger, Kälte, Verbrechen, Misshandlungen, Leid und Schmerz. Wie soll man da an etwas anderes glauben? An etwas Positives, an Wunder, Glück, Freude und Liebe. Es ist ein unerträgliches Leid. Und er spürt eine so große Last auf seinen Schultern. Die ihn nach unten zieht. Er weiß nicht, kann er diese Last tragen? Ist er stark genug? Wird er sich durchbeißen können?

Doch immer mehr kehrt die Hoffnung in sein Leben ein. Die Gefühle zu fühlen erleichtert ihm ungemein seinen Alltag. Doch leicht ist es trotzdem nicht.

Erst jetzt fühlt er die Schwere der Dunkelheit nicht mehr so auf sich. Die Freude kommt immer mehr durch, und er beginnt zu strahlen. Sein Licht ist sehr groß, und es bahnt sich zur Oberfläche durch. Mann, denkt er, ich habe echt die Hölle hinter mir. Aber jetzt geht es mir ja gut. So ein gütiges, aufopferungsvolles Wesen. Es ist für ihn selbstverständlich so zu sein, er kann gar nicht anders. Ihm ist schon klar, dass es anderen Menschen nicht so geht, dass sie nicht erlebt haben, was er erlebt hat, nicht so sehr von der Dunkelheit in die Tiefe gerissen wurden. Doch er kann nicht anders als zu lieben. Und deshalb ist ihm nicht klar, dass das, was er durchgemacht hat, wohl kein anderer hätte schaffen können. Man möchte sich nicht so in den Mittelpunkt stellen: Schaut her, was ich gemacht habe, und wie toll ich bin! Dafür ist er zu bescheiden. Und außerdem weiß er ja gar nicht, was er da gemacht hat. Wie soll er es den anderen denn erklären? Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Erfahrung für sich zu behalten. Jetzt ist ja alles gut. Endlich.. kann er Glück finden, und die Liebe. Er kann jetzt richtig anfangen zu leben, raus gehen in die Welt und schreien:

Hier bin ich! Und ich möchte dir dienen!

Mit dieser neu gewonnenen Energie und Lebensfreude fühlt er einen großen Elan und Tatendrang. Was kann er tun? Wie kann er der Welt helfen, seinen Mitmenschen und allen Wesen dieser Erde? Weiter mitlaufen wollte er auf keinen Fall mehr. Das hatte doch alles keine Tiefe. Hier hatte keiner Ziele, Visionen, Ideale oder echte Werte. Wer hatte schon wirklich inspirierende Gedanken, neue Sichtweisen jenseits des Mainstreams? Alle dachten gleich, trauten sich nicht, heikle Fragen zu stellen, oder sich selbst zu hinterfragen. Bei diesen Menschen würde er keine Antworten finden können. Er musste woanders danach suchen. Aber wo? Er müsste sich von der Gruppe trennen.

Sollte er einfach so drauf los laufen, nicht mehr dem Licht entgegen, sondern vielmehr querfeldein? Ohne irgendein Ziel, einfach drauf los? Er war mitten in der Menge, links und rechts umgeben von anderen Einhörnern. Auch vorne vor ihm war alles belegt. Es schien fast schon wie auf einem Rockkonzert, so dicht drängten sich die Mengen. Eigentlich blieb nur ein Weg, und zwar der nach hinten. Er schaute vorsichtig zu beiden Seiten ob hinter ihm frei war. Ja. So verlangsamte er seinen Schritt, kaum merkbar für die anderen entfernte er sich immer mehr. Ihm war schon klar was das bedeuten würde:

Er müsse sich der Dunkelheit stellen. Denn die war ihnen dicht auf den Fersen, kaum ein paar Meter hinter ihm konnte er schon die Aura des Unheilvollen vernehmen. Er müsse nun all seinen Mut beweisen. Denn mutig war er, sehr sogar. Er fasste sich ein Herz, und drehte sich mit einem Ruck um, der Dunkelheit nun vollständig ins Antlitz blickend. Mit Windeseile kam diese bedrohliche Wolke auf ihn zu, genauso schnell wie er ihr entgegen galoppierte. Noch immer war er entschlossen, er musste einfach wissen, was sich dahinter befand. Was auch immer ihn das kosten würde. Auch jetzt, als er sie zum ersten Mal so richtig von Angesicht zu Angesicht sah, wirkte sie zwar angsteinflößend, aber gab noch immer keinen Aufschluss darüber, wie es wohl wirklich wäre, würde man von ihr berührt oder verschluckt werden. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm wie alle immer meinten? Immerhin gab es keine Erfahrungsberichte dazu. So viel er dazu wusste hatte sich noch keiner waghalsig umgedreht, so wie er das jetzt machte. Aber man bekam ja auch nicht immer so alles mit in dieser Welt. Falls eine Welt da draußen war, war sie vielleicht besiedelt, eine Gemeinschaft mit glücklichen Einhörnern, die alle schon durch die Dunkelheit gegangen waren. Möglich war es.

Nur wenige Zentimeter von dem schwarzen Etwas entfernt, schließt er instinktiv seine Augen. Was auch immer ihn darin erwarten würde, Dämonen, Teufel, hässliche verunstaltete Wesen, es würde sich nicht von seinem Weg abkommen lassen.

Unter GAR keinen Umständen würde er seine Augen öffnen, komme was wolle. Das beschließt er in diesen wenigen Sekunden, und er war fest entschlossen. Jetzt erreicht er die Schwelle zum Wahnsinn. Die Dunkelheit berührt ihn, und er spürt wie eine kalte Energie ihn umhüllt. Schon ist er mittendrin. Er hört leichte Säuselstimmen, die ihm ins Ohr flüstern: „Schau doch hin. Sieh dich um. Fühl dich hier wohl.“

Ihm fährt ein Schauer über seinen Rücken. Das war wirklich beängstigend.

Wir sind deine Freunde.“ Hört er weiter. „Wir wollen dich hier bei uns haben. Du bist einer von uns. Bleib doch ein bisschen.“

Aber er rennt beharrlich weiter und lässt sich von diesen Sirenen nicht beirren. Plötzlich spürt er, wie eine kalte Hand nach seinem Herzen greift. Eine riesige Furcht steigt auf, und er fühlt sich wie ausgeliefert. Doch sie konnten ihm nichts an haben. Da ist er sich vollkommen sicher. Er spürt weiter in sich hinein, merkt, wie sein Herz zusammen gezogen wird und es schmerzt. Aber auch das lässt er über sich ergehen. Im nächsten Moment lässt es von seinem Herzen ab, und ein kalter Schleier legt sich über seinen Geist. Sie wollen ihn einnehmen, seine Gedanken lesen und ihm den Verstand rauben. Wahnsinnig machen wollen sie ihn. Doch er klärt seinen Geist und denkt unentwegt an positive Dinge. Sie würden ihn nicht bekommen. Dieser Körper gehörte ihm, er war sein Zuhause, und unter keinen Umständen würde er ihn freiwillig überlassen. Sie wollten ihn aussaugen, ihm Geheimnisse entlocken, ihm seinen Lebenswillen stehlen. Aber er bleibt stark. Eine Ewigkeit scheint es so weiter zu gehen. Die Dunkelheit wirkt schier endlos. Es kostet ihn all seine Kraft standhaft zu bleiben. Doch irgendwann verlassen ihn seine Kräfte, er sackt zu Boden und schläft erschöpft ein.

Als er wieder zu sich kommt befindet er sich unter freiem Himmel, nichts um ihn herum so weit das Auge reicht. Endlich keine Dunkelheit mehr! Jaaaa! Er ist so glücklich. Er hat auf Anhieb das Gefühl endlich so richtig durchatmen zu können. Ahhh.. tut das gut. Die Luft ist frisch und voller unbekannter Verheißungen. Es ist angenehm still, soo schön still, wie er es noch nie erlebt hat. Er schließt die Augen und saugt es alles einmal richtig in sich auf. Mit den anderen Einhörnern war es so laut gewesen, das permanente Getrampel ihrer Hufe gab ein konstantes Dröhnen von sich, das seinen Geist betäubt hatte. Jetzt hatte er zum ersten Mal das Gefühl so richtig klare Gedanken fassen zu können. Es war eine neu gewonnene Freiheit, die ihm Hoffnung auf ein gutes schönes Leben gab. Das Leben auf eine neue nie dagewesene Weise. Mit frischer Luft, grünen Wiesen, fröhlichen glücklichen Menschen. Ohh.. wie sehr wünschte er sich das. Doch hier war niemand, weit und breit. Er war mutterseelenallein, kein Strauch, kein Tier weit und breit. Er steht auf und schaut sich etwas um. Hier musste doch irgendwo etwas sein. Fragend schaut er um sich, sucht nach einem Zeichen. Er hat das starke Gefühl, dass es einen Sinn hatte, jetzt gerade hier zu sein. Eine rissige trockene Erde breitet sich überall um ihn herum aus. Steine liegen über die Steppe verteilt. Doch sonst.. Er beschließt sich ein wenig die Beine zu vertreten. Wollen wir doch mal schauen, wo ich hier gelandet bin. Er zieht einfach los, über Berge, durch tiefe Täler.

Einfach seinem Herzen folgend, das ihn führen würde.

Die Sonne brannte auf ihn herab, es schmerzte. Er war die starke Sonneneinstrahlung gewohnt, doch nun hier, wo er nicht mehr den Wind vom Rennen spürte, war sie intensiver. Wie sehr sehnte sich seine trockene Kehle nach Wasser. Er war ausgetrocknet, ein Zustand, den er auch nicht anders kannte. Dennoch wusste er, dass es nicht normal war. Nur eben in dieser Welt scheinbar. Aber eigentlich könnte es auch ganz anders sein. Wie sich Regen wohl anfühlte? Es war seltsam, dass er überhaupt eine Vorstellung vom Regen hatte. Wirklich gespürt hatte er ihn ja noch nie. Aber in seinem Gedächtnis hatte er eine genaue Erinnerung daran, oder möglicherweise war es auch eine Vorahnung. Manchmal gab es diese Dinge. Man kannte es nicht, und wusste es dennoch.

Ein inneres Wissen, aus der Intuition heraus. Man musste nicht alles selber erfahren haben, um es nachempfinden zu können. Seltsam in einer Welt die nur an Fakten glaubte. Und an das Sichtbare. Über alles andere wurde sich immer nur lustig gemacht. Oder es wurde darüber her gezogen, in den Dreck gezogen. Was Menschen alles so taten wenn ihr Weltbild in Frage gestellt wurde.. Sie würden alles tun um nicht umdenken zu müssen. Hauptsache sie konnten bei ihrer Wahrheit bleiben. Was auch immer das für eine Wahrheit war. Sie stand in den Schulbüchern, und alle renommierten Wissenschaftler und Gelehrten der Welt waren sich einig, dass es richtig war. Aber der Mensch ist fehlbar.

Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ So sagte Sokrates. Und er hatte Recht.

Sich alleine auf das Sichtbare zu verlassen, war schlichtweg töricht. Es gab da draußen andere Welten, zauberhafte Dimensionen voller Elfen und Feen. Wir hatten nur verlernt sie zu sehen, sie wahrzunehmen. Unsere Wahrnehmung hatte sich über die Jahrtausende so sehr verengt, dass wir nur noch wirklich sehen konnten, was direkt vor unseren Füßen lag. Doch das änderte nichts an der Realität. Sie war voller Wunder und voller magischer Wesen.

So dachte unser Einhorn in dieser Zeit an so vieles. Sein Blick für die Weite der Welt, für all das, was da Draußen lag, unbekannte Pfade und Abenteuer, erweiterte sich immer mehr. Dies war eine märchenhafte Welt in der er nun angekommen war, da war er sich ganz sicher. Er konnte es nur noch nicht so richtig mit seinen Augen sehen.

Seine Fantasie wurde immer mehr angeregt, und er stellte sich blühende Landschaften vor, farbenfrohe Tiere und Menschen die in Harmonie und Liebe zusammen lebten. Das war genau die Welt die er erschaffen wollte. Hier und Jetzt. Wo konnte er anfangen?

Eines Tages, er träumte so vor sich her, sprang über einen Fluss, der gar nicht da war, nickte einem Vögelchen zu, das es nicht gab, und lobte ein paar Einhörner für ihren schönen Garten, obwohl es dort nur einen Haufen Steine gab, da war er so aufgegangen in seinen Fantastereien, dass er zuerst gar nicht merkte, dass neben ihm etwas schier unglaubliches sein Zuhause gefunden hatte. Er hält urplötzlich inne, und ein entzücktes Gefühl überkommt ihn. War da wirklich…? Hatte er es in seinem Augenwinkel richtig gesehen.. Er dreht sich um und blickt auf eine kleine Blume hinab.

Eine Blume.. hier in der Wüste??

Er kann es kaum fassen. Sollte es nun endlich Wirklichkeit werden? All seine Bitten schienen erhört worden zu sein. Dieses wunderschöne Geschöpf, dieses Liebreiz aussendende Wesen zog ihn direkt in ihren Bann. Schnell läuft er hinüber. Er möchte sie von allen Seiten betrachten, möchte sie ganz in sich aufnehmen, alle ihre Facetten, ihre Vielfältigkeit bewundern. Sie ist wunderschön anzusehen.

Und obwohl sie bei weitem schöner hätte sein können, ist sie für ihn schon jetzt das allerschönste, was er je gesehen hat. Sie hat ein paar wenige Blüten in einer zarten pinken Farbe. An Blättern fehlt es ihr nicht, sie sieht gesund aus. Die Blüten sind nur halb geöffnet und recht klein. Aber sie verströmen einen leicht süßlichen Duft und er verliebt sich auf Anhieb in ihr sanftes liebevolles Wesen. Noch immer ist er wie entzückt von ihr, und fragt sich erstaunt wie sie es all die Zeit ausgehalten hatte. Es gab doch keinen Regen, auch hier nicht, derselbe trockene rissige Boden wie überall. Warum war sie gerade hier gewachsen? Und wie hatte sie es all die Zeit überstanden? Was gab ihr die nötige Lebenskraft, um die harten Bedingungen der Wüste zu überstehen? Er hatte Fragen über Fragen, wollte am liebsten alles über sie wissen. Wer sie war, woher sie kam, was ihr Freude bereitete. Doch würde er wohl kaum Antworten bekommen. Da sie zu schweigen schien, musste eben er ihr etwas erzählen. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, ihr alles sagen zu können. Sie würde zuhören, und sie würde ihn verstehen. Ihm ist klar, dass sie ihn verstand wie niemand anderes. Sie war etwas ganz Besonderes. Für ihn. Und nun hatte sie nur ihn. Da gab es sonst niemanden, der sich um sie sorgen könnte. Ein unbändigendes Gefühl überkam ihn für sie da sein zu wollen. Ihr alles geben zu wollen, was sie brauchte, damit es ihr gut ging.

Als wäre sie eine zerbrechliche Frau, so umsorgt er sie. Ganz sanft nähert er sich ihr, beschnuppert sie, berührt ganz behutsam ihre zarten Blüten. Er musste ganz vorsichtig sein, denn sie war unendlich kostbar und auch mindestens genauso zerbrechlich. Sie war seine große Hoffnung. Seine Muse, seine Inspiration. Mit ihr an seiner Seite, so wusste er, würde alles gut werden. All seine Wünsche und Träume legte er in ihre Hand. Ganz intuitiv wusste er: Würde es ihr gut gehen, dann würde es auch dem Rest der Welt gut gehen.

Was konnte er nun also tun? Er wäre für sie bis ans Ende der Welt gegangen, wenn er auch nur die kleinste Hoffnung hätte, dass er dort Wasser finden würde. Aber das war ausgeschlossen. Überall war er schon gewesen, hatte alles gesehen, jeden noch so kleinen Flecken Erde bereist, und nirgends hatte er Leben gefunden. Sie war das einzige lebendige Geschöpf unter diesem Himmel, das war ihm einfach glasklar. Er schaut sie rätselnd an. Was nur kann ich für dich tun, du Schöne? Fragte er sie. Doch er bekam keine Antwort. Er hob seinen Blick, hier draußen gab es doch rein gar nichts, was ihm helfen würde. Es machte keinen Sinn, irgendwo hin zu gehen, oder nach etwas Nützlichem zu suchen. Nein, er würde hier bleiben. So setze er sich hin.

Sollte er für sie weinen?

Hmm.. einige Zeit lang betrachtet er sie einfach nur. Sie berührte etwas tief in ihm. Sein Kern, sein Wesen, jede Zelle seines Körpers vibrierte und schien zu schreien: Sie ist es! Was für ein seltsames Gefühl das doch war. So völlig unbekannt, und doch atemberaubend schön. Alles in ihm reagierte auf sie, auf ihre Energie. Ihre Liebe schien durch seine Adern zu fließen, der Nektar, der ihn nährte. Ob er ihr wohl auch dieses Gefühl gab? Er konnte es nur hoffen. Sie zu lieben war wie seine ureigenste Natur, ein Fakt, unumstößlich, etwas, woran er nichts ändern konnte. Wie ein ungeschriebenes Gesetz, schien es zu verlauten: Du liebst sie.

Sie ist dein Ebenbild, deine Göttin. Und du bist ihr Gott. Ein wunderschönes Gefühl dass ihn in vollste Ekstase versetzte. Noch nie hatte er so für jemanden empfunden. Sie war das schönste, sanfteste, liebreizendste Geschöpf das ihm je unter gekommen war. Ihr Anmut, ihre Schönheit, ihr Geist, all das berührte ihn tief in seiner Seele. Was musste das für eine Liebe sein, so riesengroß und nie endend? Er verstand es zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber ihm war klar, dass es eine göttliche Liebe sein musste.

Unser Einhorn sitzt vor seiner Blume und schwelgt in Gedanken. Nach und nach sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er klagt ihr sein Leid, über diese Welt. Diesen trostlosen Ort, den er sein Zuhause nennt. Hier schien alles von Gott verlassen, keine Natur erfreute die Menschen, kein Leben spross in den Sphären, den Dimensionen, ob fein stofflich, oder grob. Jede Stufe der Realität war besetzt von hässlichen Wesen, Dämonen und parasitären Phantomen. Nirgends gab es eine Zuflucht, einen Ort, an dem man einfach sein konnte. Abseits des Bösen. Denn es fand einen, wohin man auch ging. Und es versuchte, einen zu vernichten. Wie stark musste man sein Licht erstrahlen lassen, um ihm entkommen zu können. Es war anstrengend, und eine immerwährende Tortur. So hatte er sich das Leben nicht vorgestellt. Überhaupt nicht. Wie war es nur dazu gekommen?

Als er so in sich hinein fühlte, und die Traurigkeit ihn überkam, da merkte er, wie seine Tränen langsam an seinen Wangen hinunter flossen und sich über der Blume ergossen. Ganz zart berührte sie das kühle Nass, es spendete ihr Lebenskraft, und umhüllte sie mit einer frischen Brise. Es war der Hauch von Leben, den sie so sehr brauchte. Doch es war noch nicht genug.

Die Tränen versiegen, und er schaut sie noch einmal an. Irgendwie war da in ihm sehr viel Traurigkeit für sie. So groß ihre Liebe auch war, so tragisch war sie gleichsam. Er fragte sich, ob sie sich von früher schon kannten. Hatte er sie vermisst?

Er wusste es nicht so recht. Eine gewisse Sehnsucht war da wohl mal gewesen.. aber das hatte er schon längst wieder vergessen. Hatte er nicht früher manchmal nach jemandem vergeblich gesucht? Ein Hilfeschrei, bitte, komm und steh mir bei, in meiner dunklen Nacht. Doch keiner kam. War das sie gewesen, nach der er da flehte? Das Gefühl von Wiederfinden war so überwältigend gewesen, so nährend empfand er die Verbindung zwischen ihnen, sie spendete ihm Kraft und Elan. Doch was war früher gewesen, bevor sie sich trafen?

Ein unheilvolles Gefühl überkommt ihn. Irgendeine böse Vorahnung, als könne ihn eine Wahrheit heimsuchen, die er vielleicht gar nicht sehen wollte. War er bereit für die Wahrheit? Würde er es verkraften können? Die Wahrheit schmerzt, aber sie befreit auch. Er wollte jetzt endlich seinen Frieden finden. Wollte es hören, auch wenn es ihm das Herz zerspringen ließe. Vielleicht würde er für so eine Enthüllung nie bereit sein.

Mit einem Mal wird ihm alles bewusst, und die Erkenntnis erschlägt ihn wie ein Blitz. Ein riesengroßer Schmerz breitet sich in ihm aus, er ringt nach Luft. Denn nicht nur sich hatte er vergessen, sondern auch sie.

Seine Tränen sprudeln nur so aus ihm heraus. Sie ergießen sich über seiner liebsten Blume, berühren zart ihre Blüten, laufen weich an ihren Stängeln hinunter und sickern ihr zu Füßen ins Erdreich hinein. Welch ein Segen für sie, welch Wonne dieser kräftigende Lebenssaft.

Die pure Lebenskraft durchströmt sie, ihre Zellen öffnen sich jede wie eine Blüte ganz weit und nehmen alles an Energie auf das sie halten können. Es ist die lang ersehnte Heilung, das Heil werden, ganz werden. Alles, das nicht zu ihr gehört lässt sie los, gibt es über in die Weiten eines sprudelnden Flusses, sodass er es mitnimmt, und dort hin trägt, wo es hin gehört. An den rechtmäßigen Platz. In die große Welt hinaus, sodass sich alle Puzzleteile wieder von neuem sortieren und anordnen können. Endlich frei sein.. endlich würde die große Last ihrer Bürde von ihr fallen. Es war ein heiliger Tag, ihr Geburtstag, an dem sie neu geboren wurde, ein nie zuvor gekanntes Wesen, eine neue Schöpfung, ganz die alte, doch vollkommen verändert. Eine Flut an Liebe überströmt sie, es ist seine Liebe, die immense unendlich große Liebe, die er für sie empfindet, und die so lange unter Verschluss gehalten war. Nun bricht sie endlich frei, reißt alle Dämme ein, und übergießt die Blume mit ihrem göttlichen Segen. Alle Energiespeicher füllen sich, Kraft durchströmt ihre Energiebahnen und die Schmerzen hören endlich auf. Es hatte nun alles sein Ende. Und sie würde endlich.. endlich frei sein. Endlich sie selber sein.

Unser Einhorn weint bitterlich, unendlich ist seine Traurigkeit für das, was geschehen war. Das hatte er nicht gewollt, nie, zu keinem Zeitpunkt. Als er so da sitzt hält er es nicht aus, die Augen zu öffnen. Er kann seine schöne Blume jetzt nicht ansehen. Es würde ihm das Herz in Stücke zerreißen.

Denn nun sah er all ihr Leid, all den Kummer, den sie durchgemacht hatte. So weint er nun, und weint, und weint.. Eine gefühlte Ewigkeit sitzt er da, vor seiner Blume, und die Tränen fließen nur so über sie hinab. Monate dauert es, bis er sich langsam besser fühlt.

Er badet im See der Erkenntnis, welcher sich anfangs eiskalt anfühlt, doch mit der Zeit erwärmt er sich und bekommt letztendlich eine angenehme warme Temperatur. All die Traurigkeit war aufgestiegen, all die bitteren Enthüllungen verdaut und in sein System integriert. Nun fühlt er sich langsam wieder stark genug in die Welt hinaus zu gehen. Sich ihr aufs Neue zu stellen, dieses Mal mit einem ganz anderen Bewusstsein. Alles hatte sich für ihn verändert, sein ganzes Verständnis der Welt war auf den Kopf gestellt worden. Sie waren alle spirituelle Wesen, und sie lebten ewig. Das hatte er schon gewusst. Nur die Geschichte, ja die Geschichte war gar nicht so unwichtig. Denn nicht nur der Moment zählt, Erkenntnis über das was geschehen war, befreit, am Ende.

Und manchmal war es gut zurück zu blicken. Und zu sehen, woher man kam. Damit man besser den Weg vor sich sehen konnte und entscheiden konnte, wohin man gehen wollte.

Nun endlich verspürt er wieder Liebe. Diese große starke Liebe. Fürs Leben, und für seine Liebste. Jetzt würde er sich ihr stellen können. Er freute sich riesig sie bald wiederzusehen. Sie zu berühren, in den Arm zu nehmen. Ihr zu sagen wie sehr er sie vermisst hatte. Und dann wollte er ihre Welt kennenlernen, diese spirituelle Welt, in der liebevoll mit der Natur umgegangen wurde. Wo es Elfen gab, Einhörner, Zauberwesen. Eine funkelnde Welt voller Abenteuer und wunderschönen Begegnungen. Auch die Menschen waren schön in dieser Welt, denn sie umgab sich nur mit Schönem. Alles andere fand keinen Einzug in ihre Realität. Es würde aufregend werden, ein riesiges Abenteuer, in Gemeinschaft, mit Freude, Freunden, Tanz und Gesang.

Das goldene Zeitalter wurde es auch genannt. Wir waren nun endlich da. Waren angekommen. In dieser glorreichen Zeit. Wo wir einander nur Gutes taten, einander zuhörten, verstanden und halfen. Wie lange hatten wir uns danach gesehnt. Die Liebe machte es möglich.

Er öffnete langsam seine Augen. Da war sie noch immer vor ihm, unverändert. Und doch hatte sich einiges getan. Wieder verspürte er die große Liebe zu ihr wie an den ersten Tagen. Es war ein beflügelndes Gefühl, so hatte er das Gefühl, alles tun zu können. Ihn würde niemand aufhalten. Sie war noch viel schöner geworden. Es hatten sich einige kleine Blütenknospen hinzu gesellt, und oben, in der Mitte triumphierte die größte. Alle diese neuen Knospen waren noch geschlossen, würde sie doch erst richtig aufblühen, mit ihrem Liebsten an ihrer Seite. Denn nur er konnte sie so sehen, wie sie wirklich war. Er gab ihr das Gefühl, eine Göttin zu sein. Für ihn wollte sie schön sein, wollte ihn bezaubern und ihm ein Lächeln ins Gesicht bereiten. Für ihn wollte sie noch gütiger, noch anmutiger, noch geistreicher werden.

Als er sie so anschaut, sich an ihr erfreut, ihre zarten neuen Knospen liebevoll berührt und liebkost, da spürt er, wie sie sich zu öffnen beginnen. Sie scheinen ihm zu sagen: Ich liebe dich. Und du tust mir gut. Es ist für ihn ein überwältigender Anblick dies bestaunen zu dürfen. Wunderschön öffnen sich die Blüten, besonders die größte enthüllt die zauberhaftesten Blütenblätter und besticht mit dem schönsten und pursten Pinkton den er je gesehen hat. Dieser ist nun ganz zart, und obwohl die Blume nun einiges kräftiger ist, wirkt sie immer noch unendlich zerbrechlich. Für ihn ist sie ein Vermögen wert. Der Anblick ihrer neuen Schönheit berührt ihn so tief, dass er anfängt zu weinen.

Diesmal nicht vor Traurigkeit, sondern vor Glück. Zum ersten Mal in seinem Leben kann er wirklich hoffen, nun weiß er mit Sicherheit, dass alles gut wird. Diese blühende Oase voller Leben, Vielfalt, Tieren und Pflanzen, all das schien nun in Reichweite zu sein, nur einen Handgriff weit entfernt. Er lacht, und tanzt, er ist so voller Freude und Glück dass man es kaum fassen kann. Seine Blume, ja, sie würde die Welt verändern, da war er sich sicher. Es war der Beginn einer neuen Zukunft. Sie war seine Heldin, seine große Heldin, seine Göttin, seine größte Liebe.

Er würde nicht aufhören sich um sie zu kümmern. Jetzt erst recht nicht mehr, wo er die ersten Erfolge sah. Mit seiner Liebe würde er ihr zu noch mehr Kraft verhelfen.

Noch einmal berührt er die jungen neuen Blüten. Sie schienen die geballte Energie der Hoffnung, seiner Hoffnung, in sich zu tragen. Sie waren so verletzlich, verletzlich und zugleich unendlich stark. Genauso wie sie. Nun nähert er sich ihr und berührt sie ganz sacht mit der Nase. Er hat das Gefühl es würde sie kitzeln. Und er glaubt sie würde lachen. Das war gut. Diese Blume, er wollte sie zum Lachen bringen. Jeden Tag. Er wollte, dass es ihr gut geht.

Lachen ist bekanntlich die beste Medizin. Ihre Fröhlichkeit berührte ihn so sehr, sein Herz ging auf. Und so schaut er sich um, sieht diese Welt. Und sieht sie doch mit anderen Augen. Sie war noch immer trostlos, aber er konnte hier und da Schönheit darin entdecken.

Quasi über Nacht tauchen an mehreren Stellen der Landschaft kleine Grasbüschel auf. Es hatte noch immer nicht geregnet. Wie konnte das sein? Er läuft zu jedem Grasbüschel, riecht daran, berührt ihn leicht, schnuppert.. springt einmal tänzelnd drum herum, und dankt jedem einzelnen Büschel dafür, dass er da ist. Die Tage vergehen schnell und es tauchen sehr viele Grasbüschel auf. Doch noch immer nur diese eine Blume. Sie war noch immer sein Stern am Himmel. Und auch sie hatte sich verändert. Es waren noch Knospen hinzu gekommen. Sie hat nun einige große pinke Blüten. Noch immer ist sie sein Augenmerk. Noch immer schenkt er ihr seine volle Aufmerksamkeit, nichts anderes in dieser Welt faszinierte ihn so sehr wie diese Blume. Er liebt es, dass es ihr nun besser geht. Und irgendwo.. er versteht nicht, warum das so ist, doch irgendwie veränderte sie die Welt. Sie war einfach nur da.

Dadurch, dass sie strahlte, dass sie in ihre Kraft kam, erblühte auch alles andere in dieser Welt.

Es war ein Wunder. Es gab kein größeres Wunder. Diese Blume, sie hielt die Welt zusammen. Wie machte sie das nur?

Was war es, dass sie es konnte, dass sie diese Macht besaß, die Welt zu verändern? Es war doch gar nicht möglich. Es war gegen jegliche Logik. Gegen alles, was er je gesehen hatte. Seine ganze Weltsicht wurde auf den Kopf gestellt. Durch diese einzige Blume. So etwas hatte er nicht in der Schule gelernt. So etwas war jenseits von Logik und Verstand.

Aber er fühlte es, fühlte, dass es wahr war. Niemanden hatte sie. Sie hatte nur ihn. Da war niemand, der ihr sonst hätte helfen können. Da war nur er.

Es vergehen wieder ein paar Tage. Dann wird er aus dem Schlaf gerissen von einem merkwürdigen Geräusch. Er hatte es noch nie gehört. Oder…oder doch? Es kam ihm bekannt vor, aber, er verstand es nicht.

Als er die Augen öffnet, sieht er, wie sich eine Libelle auf der Blume niedergelassen hatte. Schnell springt er auf. Was war das für ein wunderschönes Wesen und wo kam es her? Libellen brauchen Wasser zum Überleben. Wie konnte das sein? Sie sitzt einige Zeit auf der Blume und rührt sich nicht. Er staunt über sie. Sie hatte seine Blume gefunden. Und nun bedankte sie sich bei der Blume? Berührte die Blume? Was auch immer sie tat, er wusste, dass es der Libelle genauso klar war wie ihm, was für ein Schatz diese Blume doch war. Und was alle Lebewesen dieser Welt ihr zu verdanken hatten. Nach langer Zeit erhebt sich die Libelle, dreht einen großen Kreis vor seinen Augen und verschwindet dann irgendwo da draußen in dieser weiten Welt.

Ab diesem Punkt sollten noch viele weitere solcher kleinen Wunder passieren. Es kommen viele Insekten heran geflogen. Die sich auf die Blume setzen. Es gibt Schmetterlinge, und einige kleine Tiere. Alle schienen sich bei der Blume zu bedanken. Jeder einzelne. Jeder für sich, nach und nach. Drückten ihre Liebe aus, ließen die Blume wissen wie sehr sie sie liebten.

Als es dann plötzlich zu einem heftigen Gewitter kommt, ergießt sich der lange ersehnte Regen über der Landschaft. Und er wusste.. jetzt war eine neue Zeit gekommen. Jetzt würde alles ganz schnell gehen. Das war der große Moment der Veränderung. Dieser Regen, den es seit Jahren nicht mehr gegeben hatte. Er würde nun alles Alte davon spülen. Er würde dem Boden zu neuem Leben verhelfen, er würde alles aufblühen lassen. Es war dieser Segen, den die Blume so sehr gebraucht hatte. Endlich war er da. Es war eine Flut an Liebe, an Lebensenergie, direkt vom Schöpfer, aus der göttlichen Quelle. Diese Quelle sprudelte über und befruchtete das Land mit seiner Liebe für die gesamte Schöpfung. Gottes Liebe ist grenzenlos. Und nun war auch sie endlich auf der Erde angekommen.

Die tiefen Wurzeln der Blume saugen alles Wasser in sich auf was sie halten konnten. So bekommen sie binnen weniger Tage sehr viel mehr Blütenstände hinzu. Neue Triebe wachsen aus ihr heraus und sie entwickelt sich von einer Blume hin zu einer wunderschönen Staude. Mit den schönsten Blüten, die schimmern, die strahlen, die nun zu sagen scheinen:

Ich lebe.

Ich bin lebendig. Seht mich an, seht meine Schönheit. Und dann seht eure Schönheit.

Und das tat er, er sah sie an. Sah ihre Schönheit, sah seine Schönheit, sah die Schönheit der Welt. Und dann schaute er hoch und sah überall um sich herum kleine Blumen in den buntesten Farben.

Alle auf ihre Art wunderschön. Traumhaft zart dieser Anblick, diese Hoffnung, es überwältigte ihn. Er läuft über die große Steppe, weint, und berührt alle, sagt ihnen Hallo. Er freundet sich mit allen an. Er heißt sie alle willkommen. Und er sagt ihnen: Das habt ihr alles ihr zu verdanken. Diesem edlen wunderschönen Geschöpf. Dieser starke Blume. Die all die harten Jahre überlebt hatte, harte Zeiten der Dürre, der Trockenheit. Sie hatte durchgehalten, sie war so stark gewesen. Sie war seine Heldin.

 

Mit all den Blumen kommen plötzlich auch Bienen. Bienen, sie sammelten den Nektar des Lebens. Und verteilten ihn. Sie sorgten dafür, dass alles fruchtbar wird. Dass sich alles miteinander vernetzt. Die fleißigsten Helferlein Gottes. Ein großes Summen entsteht. Bsss.. Bsss.. Spektakulär.

Mit all diesen Blumen war doch seine immer noch die schönste für ihn.

Nach und nach sieht er plötzlich am Horizont große Gestalten in schnellem Schritt auf diesen Ort zukommen. Noch immer hatte sich die Oase nicht auf der ganzen Welt verbreitet. Aber die Wesen spürten, sie fühlten sich unbewusst diesem Platz hingezogen. Sie waren weit weg gewesen, davon gerannt vor der großen Dunkelheit, doch nun kamen sie wieder. Unser Einhorn entdeckt einige alte Freunde und Bekannte unter ihnen. Sie kommen näher, und staunen nicht schlecht, als sie ihn dort ganz alleine entdecken. Die Dunkelheit, erzählen sie ihm, hatte sich mit einem Mal aufgelöst. Noch immer waren sie gen Sonne gerannt, doch als sie spürten, dass sie nichts mehr verfolgte, blieben sie stehen. So lange waren sie gerannt, und noch immer waren sie nicht an dem großen Licht angekommen. Warum sollten sie noch weiter rennen? Die Angst hatte sie getrieben. Die Angst vor der Schwärze.

Und weiter waren sie sehr verwundert, ihn hier zu sehen. Sie hatten gemerkt, dass er fehlte, dass er gegangen war, sie dachten er wäre von der Schwärze eingenommen worden. Sie erkundigten sich wie es ihm ginge und was das hier für ein Ort wäre. So ein wunderbarer Ort. Alle staunten darüber was hier passiert war. Und gingen überall herum, beschnupperten alles, doch sie konnten es nicht verstehen. Er zeigte ihnen seine Blume und sagte auch ihnen:

Ihr habt alles ihr zu verdanken. Als ich hierher kam, war sie die einzige die da war. Ich hatte keine Hoffnung, aber ich musste einfach an sie glauben.

Für viele andere sah sie gar nicht so besonders aus. Es gab hier viele schöne Blumen. Sie waren etwas reserviert und akzeptierten erst mal seine Erklärung, auch wenn sie es nicht verstanden. Irgendwie liebte er diese Blume über alles und sie fanden das etwas merkwürdig, aber hatten auch Respekt davor. Sie waren ja nicht da gewesen als es passierte. Sie wussten nicht was passiert war. Sie konnten nur das Resultat daraus sehen und beobachten, dass es wunderschön war. Als sie wiedergekommen waren, war er der einzige der da war..

Also hatte es wohl auch irgendwas mit ihm zu tun.

Mit dem nächsten Regen entsteht ein großer Teich. Viele der Einhörner wussten, das hier war ihr neues Zuhause. Und so wollten sie zurückkehren und den Rest ihrer Familie hierher holen. Sie tranken von dem Teich. Und sie legten sich in die Wiese, genossen dieses Paradies. Hier war es so ruhig, so still, so angenehm friedlich. Sie gingen behutsam mit dieser Welt um, denn sie wussten, dass sie kostbar war. Über die Jahre hatten sie nur Dürre gesehen, und Trockenheit. So viele Jahre waren sie nur auf der Flucht gewesen. Mit der Hoffnung irgendwann anzukommen an einem Ort, der noch heil war, wo sie leben konnten, wo sie sich niederlassen konnten. So lange waren sie getrieben worden von dieser Dunkelheit, sie hatten keinen freien Willen gehabt, sie hatten aus Angst gehandelt. Und das wurde ihnen nun nach und nach immer klarer. In dem Moment war es normal gewesen. Alle taten es, alle waren auf der Flucht. Sie wollten einfach nur, dass es ihnen gut geht, dass es besser wird, sie hatten sich nicht getraut nach hinten zu schauen. Sie hatten so eine riesige Angst davor dort hinein zu blicken. Denn alleine die Dunkelheit anzusehen, so glaubten sie, würde sie schon verschlingen. Und nun.. mussten sie alles aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Er war es gewesen, der sich mutig umgedreht hatte und in die Dunkelheit verschwunden war. Sie hatten sich damals nicht viel dabei gedacht weil sie so sehr auf der Flucht gewesen waren und daran keinen Gedanken verschwenden konnten, aber nun mussten sie ihr ganzes Leben, alle Puzzleteile ihres Lebens neu sortieren. Sie bekamen plötzlich ein anderes Gefühl von sich selbst. Sie nahmen sich selbst anders wahr. Warum hatte ich so gehandelt? Warum war ich nicht derjenige gewesen, der sich umgedreht hatte? Die ganze Zeit hatten sie das Gefühl gehabt das Richtige zu tun. Und nun.. schien dieses ganze Kartenhaus ineinander zusammen zu fallen. Wie konnten sie immer nur das gemacht haben, was alle machten? Immer nur weg sehen, nicht hin schauen wollen, nicht wirklich sehen wollen? Wieso war das so, und wieso hatten sie nicht mutiger sein können? Es brachte nichts darüber zu trauern, oder sich Vorwürfe zu machen. Letztendlich war alles gut so gewesen. Und sie waren nicht die Helden. Aber das mussten sie nun einfach so akzeptieren. Immerhin hatten sie nun kein schlechtes Leben, sie hatten ihm und seiner Blume einiges zu verdanken.

Er erzählte ihnen wie es passiert war, und sie lauschten gebannt seinen Schilderungen. Erst langsam, langsam konnten sie begreifen, verstehen, was da wirklich passiert war. Und dass es ohne ihn jetzt vielleicht nicht so aussehen würde.

Alles was er getan hatte, seine Selbstaufopferung, seine Hingabe, seine Liebe, seine Fürsorge, all das hatte sich voll und ganz ausgezahlt. Und das war ein wunderbares Geschenk. Was er dem Leben da machte, auch wenn er es in dem Moment noch nicht begriffen hatte, jetzt war es alles klar. Jetzt konnte man es klar sehen. Es hatte etwas gebracht. Und es hatte sehr viel verändert.

 

Mit erfülltem Herzen lief er nun durch diese Welt. Sie breitete sich überall aus. Oasen entstanden, wunderschöne Gewässer, Flüsse, Seen. Überall sah er glückliche Einhörner, die fröhlich waren, die zusammen spielten. Die sich gegenseitig wertschätzten, sich achteten, einander halfen, sich liebten. Überall entstanden kleine Gemeinschaften, mit Familien und Freunden, auch Familienlandsitze genannt. Durch Anastasia inspiriert. Der Austausch war groß, die Freude immens. Alle griffen sich unter die Arme, gingen rücksichtsvoll mit der Natur um, mit ihren Liebsten, mit der Welt. Mit diesem göttlichen Geschöpf, und besonders schenkten sie dieser Blume ihren Dank.

Berührten sie sanft, knieten vor ihr nieder und sprachen ein Gebet. Sie brachten ihr Geschenke, Früchte des Gartens. Sie vergaßen nie was sie getan hatte. Und sie hörten nie auf ihr ihre Dankbarkeit zu zeigen.

Und er ging nie fort von diesem Ort. Denn hier war seine Heimat. Mit ihr an seiner Seite, auch wenn sie nur eine Blume war, für ihn war sie viel mehr, und sie bedeutete ihm alles. Er beschützte sie, würde sie mit seinem Leben beschützen.

Er würde sie gegen jede Dunkelheit verteidigen.

Gegen jede Misshandlung. Gegen jeden Angriff. Er war ihr Hüter, ihr Liebhaber, Geliebter, Freund, ihr Beschützer.

Er war für sie da, Tag und Nacht, und solange sie lebte war er ihr treu. Und er hoffte, sie würde für immer leben. So lange sie dort an diesem Ort war würde er sie nicht verlassen. Nicht weg gehen, immer an ihrer Seite bleiben. Weil sie das Schönste war, das er besaß. Das teuerste. Noch immer..

Auch in dieser Welt voller Wunder war sie sein größtes Wunder.

Somit endet diese Geschichte. Es sollten noch viele wunderbare Jahre folgen. Es fehlte ihm an nichts.

Und auch irgendwann.. ging er zu seiner Blume, berührte sie, und dann löste er sich auf. Seine Essenz verschmolz mit der ihren, sodass die Blume blaue Blüten hinzu bekam.

Nun war sie ein Zeichen ihrer Liebe. Ihrer gemeinsamen Liebe. Und sie würde alle Zeiten überdauern. Bis ans Ende der Zeit. Wenn alles sich in ihre Essenz auflösen würde. Und alles wieder zum Eins werden sollte, zu diesem einen Wesen. Dieser einen Energie, dem großen Ganzen. Und alle Seelen wieder miteinander verschmolzen zu vollkommener Einheit.

ENDE

06.03.2018

Kategorien: Geschichten

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