Einhorngeschichten Teil 2 – Alvera leuchtet auf

Einhorngeschichte aus der Wahrnehmung geschrieben für Alvera

Alvera steht auf der Wiese. Ein dickes saftiges Grasbüschel am Kauen schaut sie sich um. Alles ist friedlich. Sie sieht wunderschön aus mit ihrem weichen braunen Fell und ihrer langen Mähne. Man könnte meinen sie wäre ein normales Pferd, doch sie ist anders als die anderen. Sie hat scharfe Sinne und kann meilenweit hören. Sie nimmt Geräusche wahr die ihre Artgenossen nicht mal ansatzweise erahnen können.

Nicht selten ist es passiert dass Alvera mit den anderen auf der Wiese stand, genüsslich einen Büschel Gras kaute und plötzlich wie vom Blitz getroffen zusammen schreckte. Sie hatte etwas gehört, sehr sehr weit entfernt, und es hatte sie neugierig gemacht. Ganz entzückt stand sie dann da, voller Freude und am liebsten wäre sie direkt los gerannt um mehr darüber zu erfahren. Sie liebte es, doch hielt dieses Gefühl der Euphorie meist nicht lange an. Sie war nicht allein, und den anderen war ihre seltsame Regung aufgefallen. Sie standen rings um sie herum und starrten sie mit großen entsetzten Augen an. „Autsch“ denkt Alvera und es tut weh. Sie spürt wie ihre Freude langsam versackt. Gerade noch wäre sie am liebsten voller Freude und Aufregung los gerannt um in Erfahrung zu bringen was sie an dem Ort erwarten würde aus dem die Geräusche gekommen waren. Doch jetzt war jegliche Lust wie verpufft. Große fragende und vorwurfsvolle Augen sind auf sie gerichtet. „Alvera… was.. ist mit dir?“ Sie fühlt sich beschämt, als wäre etwas nicht richtig mit ihr. Dabei hatte sie sich doch so gefreut… Warum nur mussten die anderen ihr das so kaputt machen..Sie hatte sich doch nur gefreut. Was hatte sie denn schlimmes getan?

Es dauerte nicht lange bis die anderen sich wieder von ihr abwandten und ihrem Alltag wie gewöhnlich hinterher gingen. Solche Ereignisse wurden danach nicht mehr angesprochen und alle taten so als wäre es nie passiert. Innerlich aber entwickelten sie immer mehr eine Angst gegenüber Alvera. Dieses Mädchen was so sonderbar, so unnormal, einfach merkwürdig. Ihnen grauste es insgeheim davor dass solche Ereignisse noch einmal passieren konnten, sie wollten einfach nur ihr einfaches geordnetes Leben weiter führen ohne irgendwelche Skurrilitäten. Und das spürte Alvera. Also versuchte sie sich weniger offensichtlich zu freuen wenn sie mal wieder etwas aufregendes in weiter Ferne hörte. Was ihr wirklich sehr schwer fiel, und sie fühlte sich sehr traurig damit.

Und sie versuchte es mehr im Geheimen zu machen, so dass die anderen es nicht so sehr mitbekamen.

Mit der Zeit zog sie sich immer mehr zurück und beschritt ihren Weg alleine. Alleine.. das war schön, da konnte sie sie selbst sein. Niemand da der sie komisch anschaute, keine strafenden Blicke. Jetzt konnte sie Freudentänze machen, aufgeregt umher hüpfen, und niemand störte sich daran. Hach, was für eine Erleichterung!

So vergingen die Jahre, bis zu diesem Tage. Genüsslich kaut sie wieder mal auf ihrem Grasbüschel herum. Hmmm… sie lässt sich viel Zeit und genießt jeden Bissen. Doch plötzlich spitzen sich ihre Ohren. Lange Ohren hat sie, wie lange Antennen stehen sie von ihrem Kopf ab und richten sich aus. Ein leichtes Zucken geht durch ihre Ohren als sie ein Geräusch in weiter Ferne hört. Da sind 2 Holzfäller die gerade einen Baum am sägen sind. Ja, das hört sie ganz genau. Ihre Ohren zucken noch einmal, richten sich noch ein Stück weiter aus. Ja, hier spürt sie auch etwas. Vibrationen in ihren Ohren. Ganz klar, da spielt jemand auf einem Horn, tief unten im Tal. Spannend. Noch einmal zucken die Ohren. Da! Alvera kennt dieses Gefühl. Wieder steht sie da, wie vom Blitz getroffen. Da! Ja genau da war es. Noch eine leichte Nachjustierung der Ohren… und ab geht es.

In einem Galopp stürmt Alvera los, hinab in das Tal. Sie ist völlig aus dem Häuschen, ihr Herz pumpt. Badumm badumm.. All ihre Sinne sind scharf und sie muss sich sehr konzentrieren um auch bloß den richtigen Weg zu finden. Aber sie ist sich sicher wo es lang geht. Sehr sicher. Sie stürmt über die Wiesen..und da hört sie es genauer. Ja, sie ist auf dem richtigen Weg. Es dauert eine Weile bis Alvera an dem Ort ankommt den sie aus so weiter Ferne erspürt hatte. Kurz hatte sie gezweifelt, doch jetzt, wo sie es mit eigenen Augen sieht ist sie sich wieder sicher. Nach Atem ringend bleibt sie stehen und beobachtet die Szenerie die sich ihr bietet.

Da ist eine kleine Koppel mit Pferden. Sie sehen aus wie sie, braune Pferde mit weichem Fell. Nur eins sticht hervor, es ist ganz in Gold gekleidet, es trägt goldene Platten und goldenen Schmuck. „Was für ein sonderbares Pferd“ denkt sich Alvera. Und bei dem Wort Pferd muss sie kurz innehalten. Pferde..hmmm.sind das wirklich Pferde? Sie ist sich nicht sicher, aber es scheint ihr so als hätten sie ein Horn auf dem Kopf, etwas unterhalb ihrer Ohren. Mal ist es sichtbar, dann verblasst es und Alvera schüttelt den Kopf. Nein, da ist kein Horn. Aber beim erneuten Hinschauen merkt sie „doch, da ist etwas…“.

Und während ihre eigenen Gedanken in den Hintergrund verschwinden, spürt sie nicht, wie ihr eigenes Horn für einen Moment strahlend hell aufleuchtet. Sie begreift es nicht, doch sie fühlt sich wie magisch angezogen von diesem Pferd ganz in Gold. Sie weiß nicht wie ihr bekommt, doch plötzlich nimmt sie großen Anlauf und springt mit einem riesen Satz, und dabei bemerkt sie dass sie von allen Seiten mit großen staunenden Augen angestarrt wird, mitten in die Koppel hinein direkt vor das Pferd ganz in Gold. Ohne dem Pferd in die Augen zu schauen, verneigt sie sich. Ganz tief bis auf den Boden. Sie tut es freiwillig, sie tut es, weil sie etwas spürt. Dieses Pferd… sie kann es nicht in Worte fassen was sie fühlt. Warum sie sich so verhält.. sie weiß einfach dass es das einzig richtige ist.

Sie huldigt diesem Pferd, voller Demut, voller Achtung. Anders kann man es nicht beschreiben.

Es ist völlig still um sie herum geworden. Kein Rascheln ist zu hören, es scheint als hätten alle den Atem angehalten. Da steht sie nun, direkt vor diesem Pferd, und reckt ihren Hals weit in die Tiefe. Das goldene Pferd ihr gegenüber, gelassen, zuversichtlich. Es bewegt sich nicht. Um die beiden herum ein Dutzend anderer Pferde, mit weit aufgerissenen Augen, die die Szenerie nicht fassen können. Ehrfurcht gegenüber des Mutes von Alvera sich so ihrem geliebten goldenen Pferd zu präsentieren. Eine Weile passiert gar nichts. Es scheint als wäre die Zeit stehen geblieben. Als wäre sie eingefroren… Und dann tut sich was. Langsam, ganz langsam fängt das goldene Pferd an sich zu bewegen. Es neigt seinen Kopf, einen Zentimeter, dann noch einen. Alle fragen sich was es vor hat.. Was wird nun passieren?? Dann schließt es seine Augen und neigt den Hals nach unten, weiter, noch weiter, bis auf die Erde. So wie es Alvera getan hat.

Es verneigt sich ebenso vor ihr. Da stehen sie nun, diese beiden Pferde, und verneigen sich voreinander. Kurz herrscht noch gespannte Stille, dann geht ein Getöse los.

Alle anderen Pferde wiehern laut, klopfen mit den Hufen auf den Boden auf, springen wild und aufgeregt umher und lachen einander an. Sie sind alle total aufgedreht und freuen sich dieses Tages. Alvera und das goldene Pferd heben ihre Köpfe langsam, schauen sich tief, ganz tief in die Augen. Und dann lächeln sie. So ein wundervolles Gefühl überkommt sie. Das ist Glückseligkeit.

Alvera genießt noch eine Zeit lang diese wunderschöne Atmosphäre, die klingenden Glocken, den Engelsgesang. Oder hört sie das nur in ihrem Kopf? Dann dreht sie sich um, worauf es wieder stiller wird. Sie schaut über die Menge der anderen Pferde, die nun alle sie anschauen. Ihre Augen sind voller Liebe und Zuneigung für Alvera. Sie fühlt sich tief berührt.

Als sie nun also die Koppel verlässt sieht sie hinter sich in der nahenden Dunkelheit ein Dutzend strahlend heller Hörner die so hell wie Laternen die Umgebung erleuchten. Und als sie so davon trabt, spürt sie wie ihr eigenes Horn voller Kraft leuchtet und auch ihr den Weg erhellt. Dieser Tag war so sonderbar gewesen, und so wunderbar. Alvera wird ihn nie vergessen.

ENDE

05.01.2015

Diese Einhorngeschichte habe ich mal vorgelesen. Hier geht es zum Video:

 

Bild  im Header: „Wild Horses of Wales“ by Tevfik Teker,  is licensed under CC BY 3.0

 

Kategorien: Geschichten

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