Einhorngeschichte Teil 8 – Das schwarze Loch

Einhorngeschichte aus der Wahrnehmung geschrieben für Angela

Ein junges fideles Einhorn lief fröhlich über die Wiese. Es trug den Namen Angela. Wieder einmal hatte sie sich von der Gruppe entfernt, um ein wenig die Gegend zu erkunden. Das machte sie am liebsten, denn so hatte sie das Gefühl, Neues entdecken zu können. Das umliegende Gebiet verbarg so einige Abenteuer und interessante Dinge. Sie konnte nicht verstehen, wieso die anderen immer nur am Lager blieben. Hier war es doch so viel aufregender, so viel spannender. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich hier aufhielt. Schon oft war sie alleine raus geritten. Eine bestimmte Sache weckte ihr Interesse ganz besonders. Immer wieder war sie voller Spannung und Erwartung wenn sie sich diesem Ort näherte. Es war ein besonderer Ort, ein Platz, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Auch hatte sie noch nie zuvor jemandem davon erzählen hören. Es war ihr schleierhaft, ob andere Einhörner auch davon wussten, oder jemals an solch einem Ort gewesen waren. Aus irgendeinem Grund wollte sie auch nicht darüber sprechen, es war ihr kleines Geheimnis. Etwas ganz Besonderes, das nur ihr gehörte. Jedenfalls fühlte es sich für sie so an. Als würde der Platz nur für sie existieren. Womöglich war er ja auch nur für sie alleine sichtbar, wer weiß.

Nun näherte sie sich also langsam diesem verwunschenen Platz. Sie wusste genau, wo er war, noch nie hatte sie ihn verfehlt. Selbst mit geschlossenen Augen würde sie ihn ausfindig machen, da war sie sich sicher. Die Spannung in ihr stieg, als sie ihn durch die Blätter einer Pflanze erkannte. Dort war es, dieses schwarze große Loch. Das sie noch genau so, wie sie es nun sah, in Erinnerung hatte. Doch es war kein tiefes Loch, es war viel mehr ein Nichts. Eine dunkle Masse, die sich in leichten Wellen bewegte. Wie ein Meer aus Nichts. Aus Leere. Und doch war es greifbar, jedenfalls glaubte Angela es berühren zu können. Getraut hatte sie sich noch nicht. Es faszinierte sie, sie liebte es, stundenlang einfach nur hinein zu starren. Doch es berühren, das wäre eine ganz andere Sache. Wie würde es sich wohl anfühlen? Sie konnte es nicht sagen. Irgendwie hätte sie es ja schon gerne einmal berührt. Aber nein, dafür war sie nicht mutig genug. Auch heute, so wusste sie, würde sie ihre Hufe nicht hinein halten. Nur schauen. Beobachten. Sich vorstellen, wie es wohl wäre. Was es wohl mit einem tun würde, würde man vollständig darin eintauchen. Sie konnte es sich ausmalen, wie es sie wohlig warm umhüllt. Doch wäre dies wirklich so? Sie hatte keine Garantie dafür, dass es sie freundlich aufnehmen würde. Immerhin konnte es durchaus etwas Bedrohliches an sich haben..

Eigentlich wirkte es auf sie eher neutral. Das machte es für sie auch so interessant. Es war nicht ersichtlich, ob dieses Loch einem wohl gesonnen war oder nicht. Letztendlich konnte man es wohl nur selbst herausfinden. Doch heute war nicht der Tag dafür.

Sie wurde schläfrig. Trabend lief sie zu dem Loch hinüber und schaute hinein. Kein Spiegelbild. Die schwarze Masse bewegte sich leicht, es wirkte äußerst beruhigend auf Angela. Hier fühlte sie sich wohl, abseits all des Trubels und der Hektik der anderen. Sie legte sich an den Rand des schwarzen Nichts, legte ihren Kopf auf den Boden. Und kurz darauf war sie schon in einen geruhsamen Schlaf gefallen. Ihre Nickerchen am schwarzen Loch waren immer sehr erholsam und energiespendend. An Träume konnte sie sich nicht erinnern, aber sie wachte stets sehr vitalisiert und ausgeruht auf. Wie auch dieses Mal. Genüsslich drehte sie sich zur Seite und öffnete noch leicht schlummernd ihre Augen. Sie blinzelte einmal, dann noch einmal. Dann schreckte sie auf und wich ein gutes Stück zurück. Die schwarze Masse hatte fast ihr Bein berührt, so nah war sie ihr gekommen. Nur wenige Zentimeter hatten gefehlt. Sie war schockiert, und doch etwas zwiegespalten. Einerseits hätte es sie unfassbar interessiert, was wohl mit ihr passiert wäre, hätte die schwarze Leere sie berührt. Andererseits war sie noch immer viel zu schreckhaft und wollte unter keinen Umständen ihr Leben aufs Spiel setzen, nur um ihre Neugier zu befriedigen. Ein bisschen wünschte sie sich, die Masse hätte sie im Schlaf berührt. Dann wäre es einfach so passiert, ohne, dass sie dafür etwas gekonnt hätte. „Aber was soll es“..dachte sie sich, „Ich werde es womöglich nie erfahren.“

Es war schon spät, und die anderen würden sie sicherlich vermissen. Schnell sprang sie auf, sagte dem schwarzen Loch mal wieder Lebewohl, und verschwand in Richtung Lager.

Wie es so kam, sollte Angela jahrelang nicht mehr in diese Gegend kommen. Es war nicht so, dass sie diesen Ort mied, vielmehr ergab sich einfach die Gelegenheit nicht. Es war in keinster Weise schade, und sie sehnte sich auch nicht danach. Das Leben bat ihr einfach andere Unternehmungen, Sozialkontakte, Abenteuer. Sodass die Erinnerung an das schwarze Loch in ihr sehr in den Hintergrund rückte, und an Bedeutung verlor. Anfangs hatte sie sich noch lange Zeit gefragt, was wohl gewesen wäre, hätte die Leere sie berührt. Sie stellte es sich oft vor, malte sich ein Gefühl aus, das durch ihren ganzen Körper ging und sie durchflutete. Doch das waren letztendlich alles nur Fantasien. Das reale Leben wartete auf sie. Und das wollte sie ganz auskosten.

Erst Jahre später, Angela war zu einem anmutigen stattlichen Einhorn heran gewachsen, da kam sie durch Zufall wieder in die Nähe des schwarzen Loches. Es war mal wieder, wie damals, ein Ausflug mit der ganzen Familie. Ganz ohne nachzudenken löste sie sich erneut von der Gruppe und wandelte ein wenig umher. Es war ein schöner lauer Sommerabend. Der Himmel war in einem rosa-lila getönt, die Tiere der Umgebung gaben ein besinnliches Summen von sich. Sie atmete tief ein und genoss die gute Luft. Erst langsam dämmerte es ihr, auf welchen Ort sie zusteuerte. Ganz unbewusst war sie in Richtung schwarzes Loch gelaufen. Ja klar, sie kannte den Weg ja auch in- und auswendig. Eigentlich war es keine wirkliche Überraschung. Dennoch spürte sie eine leichte Aufregung in sich aufkommen. Ob das Loch wohl noch da wäre? Ob es sich verändert hatte?

 

Artist’s impression of the surroundings of the supermassive black hole in NGC 3783“ von ESO/M. Kornmesser mit der Lizenz CC BY 4.0

schwarzes Loch in Centaurus

 

Alsbald kam sie auch schon am Rande des wabernden Nichts an, und musste feststellen, dass sich rein gar nichts verändert hatte. Es sah noch aus wie damals, als sie an dessen Ufer eingeschlafen war. Sie schaute erneut hinein, so wie früher, es war immer noch kein Spiegelbild zu sehen. Ein vertrautes Gefühl stieg in ihr auf. Doch auch wenn sich an diesem Ort nichts geändert hatte, so hatte sich doch grundlegend etwas verändert. Und das war sie. Heute war sie ein anderes Einhorn, als sie es damals gewesen war. Sie war viel mutiger geworden, sie hatte mehr Lebenserfahrung gewonnen und war weiser geworden. Dazu kam noch, dass sie Reisende getroffen hatte, die ihr von einem ähnlichen Ort erzählt haben. Es schien fast so, als hätte jedes Einhorn solch einen Ort irgendwo auf dem Planeten. Ein Ort, der nur ihnen gehörte, an dem sie sich vollkommen zuhause und zufrieden fühlten. Hier waren sie angekommen, hatten sich und ihre wahre Bestimmung gefunden. Sehr interessiert hatte Angela diesen Erzählungen gelauscht. Es war aufregend, spannend, und was sie ganz besonders faszinierte war die Tatsache, dass einige wohl schon in die schwarze Leere eingetaucht waren. Natürlich waren dies nur Erzählungen. Und Leute konnten so viel behaupten. Dennoch soll es eine Erfahrung sein, die einen grundlegend verändert und einen vollständig neu sortiert. Alles wird an den richtigen Platz gerückt. Alte Lasten zurück gelassen, neue erhebende Energien integriert. Ein ganz neues Ich wird erschaffen, etwas, das ja eigentlich schon immer da war, aber eben verdeckt, von vielem das nicht zu uns gehört, und in Wirklichkeit kein Teil von uns ist.

Und obwohl Angela viele dieser Geschichten gehört hatte, war sie sich noch immer nicht sicher, ob sie dieses Wagnis eingehen sollte. Etwas, das einen vollständig verändert, wollte sie das denn wirklich? Eigentlich war sie doch ganz zufrieden so, wie es jetzt war. Sie hatte ja nicht einmal absichtlich diesen Ort aufgesucht. Es war einfach irgendwie so passiert. Sollte sie denn nun wirklich dieses Risiko eingehen?

Irgendwas in ihr wusste ganz klar die Antwort. Es war im Grunde gar keine Überwindung mehr. Es gab nichts, was sie sich trauen müsste. Keine Mutprobe, keine Prüfung.

Sie näherte sich dem Loch ganz nah, dass sie nur wenige Zentimeter davon entfernt war. Dann streckte sie die eine Hufe aus, und berührte ganz vorsichtig die schwarze Masse. Noch fühlte sie nicht viel. Es war eine Flüssigkeit, die weder warm noch kalt zu sein schien. Ganz leicht spürte sie, wie sie sich an ihrem Bein bewegte, durch die leichten Wellenbewegungen ausgelöst.

Daraufhin folgte das andere Bein. Auch dabei passierte nichts Unheilvolles. Nach und nach schritt Angela weiter hinein. Sie hatte durchaus Halt, auch wenn sie keinen Boden sehen konnte. Sie war nun mit ihrem gesamten Unterkörper im schwarzen Loch, nur der Kopf fehlte noch. Ein paar Schritte weiter, und sie war vollständig von der Masse verschluckt. Als sie so da stand öffnete sie die Augen. Wie sie es schon von anderen gehört hatte, war in dem dunklen Nichts kein Nichts. Hier war keine Leere. Es war einfach wie eine andere Welt, eine ganz eigene Wirklichkeit, mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen. Je mehr sie einsank, desto mehr fühlte sie eine leichte Wärme die sie umhüllte. Sie fühlte sich angenommen und vollkommen. Irgendetwas gab ihr das Gefühl, genau richtig so zu sein, wie sie war. Es gab nichts, was sie noch tun müsste, nichts, das sie noch erreichen müsste oder sein müsste. Einfach nur (sie selbst) sein. In jedem Moment. Sie schaute um sich und glaubte im Weltraum zu sein. Wunderschön zeichneten sich die Sterne um sie herum ab, auch Planeten konnte sie erkennen. Wunderschöne Farbverläufe mit Farben und Mustern die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es war atemberaubend schön. Nun konnte sie verstehen, warum manche Einhörner am liebsten immer in dieser Realität bleiben wollten. Es war einfach unfassbar angenehm und nährend. Noch eine Weile trieb sie in dieser Leere umher. Sie empfand die verschiedensten Emotionen, wobei alle ihre Schönheit hatten. Ganz andere Empfindungen als sie aus dem alltäglichen Leben kannte. Ganz andere Wahrnehmungen. Welche sie wohl auch nie im echten Leben erfahren würde. Dafür müsste sie an diesen Ort kommen. Und vollkommen eintauchen in die Leere.

Sie fühlte sich nun so gestärkt und voller Kraft, dass sie beschloss, wieder zurück zu kehren an die Oberfläche. Kaum hatte sie den Gedanken gefasst, da wurde sie auch schon heraus gehoben und konnte wieder die echte Welt vor sich erkennen. Das war ja einfach. Und davor hatte sie solch eine Angst gehabt?

Langsam schritt sie aus dem schwarzen Loch heraus. Irgendwie konnte sie es jetzt in Gedanken nicht mehr „Loch“ nennen, es war vielmehr ein Portal in eine andere Wirklichkeit. Sie fühlte sich unglaublich gekräftigt und in sich gefestigt, sodass sie wohl so schnell nichts umhauen könnte. Sie lachte. Jetzt war sie bereit, noch einige Herausforderungen mehr im Leben anzunehmen. Jetzt hatte sie die Kraft dazu. Den Mut, und das Selbstvertrauen. Freudig bedankte sie sich am schwarzen Loch. Es hatte durchaus einen anderen Menschen aus ihr gemacht. Aber sie wusste, es war noch längst nicht alles getan. Sie würde wieder kommen, und zwar so oft und so viel es ihr beliebte. Nichts an diesem schwarzen Loch war schädlich für sie, nichts, das sie behinderte. Es war rein alles erhebend und aufbauend. Und das gab ihr ein unfassbar gutes Gefühl!

Noch häufig würde sie hierher kommen, um tief einzutauchen und sich aufzutanken. Doch mit der Zeit würde sie dieses Gefühl immer mehr in ihr Sein aufnehmen, es würde sich verselbstständigen, und es würde zu einem Zustand werden, einem Zustand, und keiner Tätigkeit mehr. Einem Zustand der Erleuchtung. Aus diesem heraus sie auch andere Menschen beleuchten würde, Menschen die waren wie sie früher, und die nun auch eintauchten in die alles verändernde Stille.

ENDE

26.09.2017

 

Kategorien: Geschichten

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