Einhorngeschichte Teil 7 – Die Libelle und der Bär

Einhorngeschichte aus der Wahrnehmung geschrieben

Mit leichten Flügelschlägen steht die Libelle in der Luft fliegend und beobachtet die Szenerie. Es ist ein sonniger Frühlingstag und im See glitzert das helle Licht. Die Luft ist frisch und erquickend. Sie atmet tief ein, die Kraft wird sie brauchen für diesen Tag.

Es ist viel Trubel um den See herum.

Das Schilfrohr wiegt sich im Wind, die Schwertlilien nicken fröhlich mit ihren Köpfchen. Allerlei Insekten schwirren hier munter durch die Gegend, sie sind guter Dinge und erfreuen sich ihres Lebens. Auch die Familie der Libelle befindet sich am Wasser. Sie winkt ihnen zu. Aber jetzt ist keine Zeit für Plaudereien.

Es wird ein langer Tag werden. Heute will sie sich wieder einmal in den tiefen Wald begeben, wo sie ihren Freund den Bären antreffen wird.

Ein Bär? Wie kann das sein, eine Libelle und ein Bär können doch nicht befreundet sein..

Und ob sie das können! Die beiden hätten es sich zwar niemals ausmalen können, doch das Schicksal hat es so gewollt und sie zusammen gebracht.

Es war nur wirklich keine normale Begegnung gewesen! Viel mehr ein „Aufeinandertreffen“.

Das Ganze hatte sich folgendermaßen zugetragen:

Libelli war eines Tages, so wie alle anderen Tage auch, fröhlich herum geflogen und hatte einfach Spaß und Freude am Leben. Sie drehte sich im Kreis, machte Loopings, flog knapp über den Pflanzen und unter ihnen hindurch, ganz so wie bei einer spannenden Verfolgungsjagd.

Sie achtete wieder mal nicht auf den Weg, und schon nach kurzer Zeit veränderte sich die Vegetation um sie herum. Sie war in ihrem freudigen Umherfliegen so vertieft gewesen, dass sie nicht darauf geachtet hatte wie weit sie sich von ihrem Zuhause entfernte. Noch immer hatte sie ein ordentliches Tempo drauf und gerade in dem Moment als sie realisierte wo sie war, da war es auch schon geschehen.

BUMMS!

Sie zog die Notbremse, doch nichts half, sie war mit irgend etwas zusammengestoßen.

Aua..ihr Schädel brummte. Und nicht nur der, sondern auch noch etwas anderes gab da einen brummeligen Ton von sich.

Oh weia!

Was konnte das nur sein?

Libelli hatte noch nie solch ein Geräusch gehört.

Ihr war noch ganz schummrig und sie konnte nur verschwommen sehen.

Da war etwas großes braunes..ein Baum vielleicht? Aber der konnte doch nicht solche Geräusche machen..oder?

„Hast du dir weh getan?“ brummt es, jetzt deutlicher zu vernehmen.

Da war wirklich jemand der sprach.

Libelli bekam leichte Panik.. wieso musste das immer ihr passieren?

Sie war so tollpatschig, hatte nicht richtig aufgepasst und jetzt war sie an einem Ort gelandet wo sie nicht sein sollte. Ihre Eltern sagten ihr immer wieder: Geh nicht zu weit weg vom See.

Aber sie musste ja mal wieder nicht gehorchen!

Sie rettete sich auf einem Blatt einer großen Pflanze und kam langsam wieder zur Besinnung.

Ja, sie war wirklich im Wald gelandet. Hier war es doch viel zu gefährlich. Das bekam sie immer wieder zu hören. Hier lauerte es vor wilden Vögeln die nur gerade so darauf warteten sie zu verspeisen. Auch große Spinnweben hingen zwischen den Bäumen, darin warteten fiese Spinnen die sie gerne in einen Kokon einwickeln würden um ihr dann das Blut auszusaugen.

Ihr schauderte es bei dem Gedanken. Es war wirklich nicht klug gewesen hierher zu kommen! Sie konnte echt froh sein noch am Leben zu sein!

Nicht, dass das schon das größte Übel wäre. Nein, das befand sich nicht irgendwo lauernd um sie herum, es stand genau vor ihr. Zwei große Augen starren sie fragend an.

Oh Gott, ein Bär, oh Gott oh Gott.. Ich muss weg..

Libelli wusste wie schlimm Bären waren. Das waren riesige Monster mit gaanz großen Mäulern. Diese würden aus Achtlosigkeit eine Libelle erschlagen können oder sie tot trampeln..

Aber dieser Bär sah gar nicht so gefährlich aus. Er schaute sie nett an, machte keine Anzeichen davon ihr etwas antun zu wollen oder sie gar töten zu wollen.

Sie atmete erleichtert auf. Ihr Herz war ihr beinahe in die Hose gerutscht vor Schreck.

„Oh das tut mir schrecklich Leid!“ rief sie aus, als sie endlich den Überblick über die Situation hatte. „Eben war ich noch hier..und dann war ich schon da. Dann bin ich drüber und drunter geflogen, und plötzlich hat es bumms gemacht. Ich muss da wohl mit etwas zusammengestoßen sein. Das hat wirklich weh getan… äääh..

Das warst nicht zufällig du?“ plappert sie.

Er schaut etwas irritiert drein. „Äh..doch, du bist gegen mich geflogen.“

„Ohje..“ sie schaute etwas peinlich berührt zu Boden.

Doch das schlechte Gewissen war bald verflogen. Die beiden kamen ins Gespräch und lernten sich immer mehr kennen. Schon bald kristallisierte sich heraus, dass sie sich sehr gut verstanden und sie wurden Freunde. Sie hatten beide eine so unterschiedliche Weltsicht, konnten sich über alles unterhalten und diskutieren. Es war für beide Seiten ein sehr belebender und erquickender Austausch.

Er erzählte ihr von seinem Leben. Denn auch er war anders als die anderen seiner Art. Er war auch gerne alleine unterwegs, und er befasste sich mit Themen, die die anderen nicht im Entferntesten interessierten. Deshalb konnte er sich auch schlecht mit ihnen darüber unterhalten.

Aber mit Libelli ging das sehr gut, denn sie war aufmerksam und stets interessiert, auch wenn es sie nicht direkt betraf oder ihr das Thema fremd war. Sie war einfach neugierig auf alles, und dieses fremde Bärenleben das sich ihr hier bot verhieß eine völlig neue Welt mit neuen Ansichten und Erkenntnissen für sie.

Aber nicht nur das, sie verstanden sich auch sehr gut und konnten viel Spaß miteinander haben. Er war zwar oft etwas träge, aber nie abgeneigt den Ideen und Vorschlägen gegenüber die Libelli machte. Manchmal dauerte es eben ein paar Tage länger bis sie dazu kamen es umzusetzen, und oft auch nur in abgespeckter Version, aber am Ende wurde es dann immer gemacht und war eine freudige Erfahrung. Libelli kam mit vielen Ideen, denn sie wollte alles bereisen und alles erleben mit Bär zusammen. Denn mit ihm an ihrer Seite fühlte sie sich sicher. Sie würde mit ihm bis ans Ende der Welt gehen! Solange sie mit ihm zusammen war würde ihr nichts geschehen. War sie jedoch auf sich alleine gestellt, fühlte sie sich schnell unsicher und traute sich nicht mutigere Vorhaben umzusetzen.

Aber das brauchte sie auch nicht. Denn Bär war ja an ihrer Seite.

Sie verstanden sich prächtig miteinander. Sie scherzten viel, und machten Späße miteinander. Eines ihrer Lieblingsspiele war Verstecken spielen. Libelli würde sich in der Nähe ein Versteck suchen und Bär müsste sie dann suchen gehen. Meist war es schon einer der nächsten Bäume hinter den sie sich begab. So klein wie sie war musste sie nicht groß einen Ort ausfindig machen wo man sie kaum aufspüren konnte. Nach einer Weile ging er dann los um sie zu suchen. Manchmal ärgerte er sie aber auch, indem er einfach demonstrativ etwas anderes machte. Er schrieb gerne die Spielregeln um, um sie ein bisschen zu necken. Das verärgerte sie und sie fasste den Entschluss es ebenso zu tun. Also schlich sie sich leise hinten an ihn heran und flog die ganze Zeit auf der Stelle, direkt hinter seinem Kopf, ohne dass er es bemerkte. Als sie sich dann auch noch unbemerkt auf seinen Hinterkopf setzte, kroch sie ganz langsam über den Kopf bis sie auf seinen Brauen ankam und er sie in seinem Gesichtsfeld als Fleck wahrnahm. Jetzt hatte sie ihn ausgetrickst! Als er erkannte, dass sie sich an ihn heran geschlichen hatte ohne dass es ihm aufgefallen war, da musste er laut lachen.

Solche Scherze machten sie oft miteinander.

Es war eine schöne Zeit, und sie genossen jede Sekunde. War es doch klar für beide, dass ihre Zeit die sie zusammen verbringen würden begrenzt war.

Er war ein Bär, und würde viele Jahre alt werden. Doch sie, als Libelle, hatte nur eine Lebensdauer von ein paar Wochen. Er würde sie viele Jahre überdauern. Und ihr Erscheinen in seinem Leben würde nur einen Bruchteil ausmachen. Diese Tatsache stimmte beide traurig und sie fürchteten sich vor dem Tag an dem sich ihre Wege trennen würden.

Und eben dieser Tag ist heute. Libelli spürt, dass ihre Lebenskraft sich dem Ende zuneigt. Sie hat nur noch ein paar Stunden zu leben. Klar, mit dem Tod endet nur ein Zyklus und ein neuer beginnt, aber dennoch bedeutet es Abschied nehmen von allem Vertrauten und von allen Freunden. Viele waren im Laufe der Zeit schon gegangen. Und auch sie hatte Abschied nehmen müssen. Es ist ein Neuanfang. Sie wird sich von ihrer alten Form verabschieden müssen und in eine neue Gestalt geboren werden. Noch ist es unklar, welche dies sein wird.

So nimmt sie nun also im Geiste Abschied von allen ihren Artsgenossen. Ihre Familie ist schon einige Zeit gegangen, und nun ist kaum noch jemand da, der ihr am Herzen liegt. Sie macht sich auf in Richtung Wald. Blickt noch einmal zurück auf ihren geliebten See. Sie sagt allem Lebewohl.

Den Weg in den Wald fliegt sie ganz bedacht und besinnt sich der guten Zeiten die sie darin verbracht hat. Noch einmal schaut sie sich alle Pflanzen genau an, spürt ihre tiefe Liebe für sie. Als sie näher zum Gebiet des Bären kommt erkennt sie viele Dinge die ihr etwas bedeuteten. Hier hatten sie gespielt, gelacht, geschmust. Es sind schöne Erinnerungen, kostbare Erinnerungen.

Da taucht vor ihr der Bär auf, sie setzt sich auf seine Schulter und schmust sich an ihn. Jetzt ist sie angekommen, hier ist sie angekommen. Und weiter wird sie nicht gehen..

Doch die beiden haben noch etwas gemeinsam vor. Sie wollen noch einmal ganz bedächtig durch den Wald spazieren, sie wollen sich gemeinsam zurück besinnen auf die schönen Zeiten und alte Geschichten heraus kramen. Sie wollen zu dem Tümpel marschieren, wo der Bär gerne ein Bad nimmt und wo sie immer gemeinsam der untergehenden Sonne zugeschaut hatten, wie sie zwischen den Bäumen versank.

Es ist ein bedächtiger Tag. Doch er geht auch vorüber. Am Ende des Tages schläft Libelli in seiner großen Tatze ein und sie wacht nicht mehr auf. Bär ist traurig, er gräbt ein Grab für sie und bestattet sie. Sein Leben würde weiter gehen. Und wer weiß, vielleicht würden sie sich einmal wiedersehen, in diesem Leben, oder einem anderen. In diesem Körper, oder vielleicht erst viel später. Wer weiß das schon so genau. Fest steht aber, dass sie sich wieder sehen werden. Irgendwann.

Ende

24.03.2016

 

Und weil’s so schön ist 🙂 Hier noch ein paar Bärenbilder:

 

Ich hatte damals für die beiden noch Texte raus gesucht über Krafttiere aber die möchte ich hier jetzt besser nicht rein stellen. Was ich aber interessant finde, ist, dass Libelle im Englischen „dragonfly“ genannt wird. Was quasi Drachenfliege übersetzt heißt. Die Kelten haben wohl in der Libelle einen kleinen Drachen gesehen. Passt doch irgendwie oder 😉

 

Kategorien: Geschichten

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