Einhorngeschichte Teil 5 – Loudida die Butterblume

Einhorngeschichte aus der Wahrnehmung geschrieben

Loudida steht in einem Meer voll Butterblumen. Sie ist selber eine, eine wunderschöne Butterblume. Ihr Fell hat die Farbe einer Butterblume, und ihr Geruch ist auch der dieser schönen gelben Blume. Loudida isst Butterblumen, zu jeder Mahlzeit. Sie steht auf Butterblumen, schläft auf Butterblumen, und sie trabt auf Butterblumen.

Butterblume innen – Butterblume außen.

Doch was ist es an dieser Blume das Loudida so verzaubert? Ist es doch eine gewöhnliche Blume die in Scharen wächst und ganze Felder überdeckt. Was liebt sie so daran, dass sie nicht genug davon bekommen kann und sie immer diese Blume um sich herum haben will?

Die Antwort ist einfach. Loudida ist selber eine Butterblume. Innendrin fühlt sie sich butterweich, so sanft und liebevoll fühlt sich ihr Herz an, ihr Wesen, dass sie dahin schmelzen könnte.

Und aus diesem Grund umgibt sich Loudida tagein, tagaus nur mit diesen wunderschönen Blumen die ihr Herz erwärmen und sie an ihre eigene Schönheit erinnern, sie ihr eigenes Wesen spüren lassen.

Butterblumen sind für Loudida lange Zeit alles. Ihr größter Schatz, ihre größte Liebe. Butterblumen sind alles was sie möchte, alles was sie begehrt, alles was sie braucht.

Wiese mit Hahnenfuss“ von Adrian Michael mit der Lizenz unter CC BY-SA 3.0

 

Butterblumen, so weit ihr Blick reicht, nur Butterblumen. Kein Ende in Sicht, nur ein riesen großes Feld voller Butterblumen in dem Loudida schläft, durch das sie stürmisch galoppiert, in das sie sich liebevoll hinein legt und den himmlisch süßen Duft dieser Blumen in sich aufnimmt.

Auch wenn sie wandern geht, einfach durch die Gegend schlendert, oder sogar stürmisch durch die Felder galoppiert, so sieht sie nur diese Blumen.

Und obwohl sie über alle Maßen in diese gelben Blumen verliebt ist, so erwischt sie sich doch zu Zeiten, sehr sehr selten, doch mittlerweile immer öfter dabei, wissen zu wollen was es außerhalb dieser Felder geben mochte. Gab es überhaupt eine „Welt da draußen“? Hörten diese Butterblumen auch irgendwo auf oder oder gab es schlichtweg nichts anderes?

Sie ist sich nicht sicher, irgendetwas in ihr sagt ihr es müsse noch weiter gehen, es müsse noch etwas anderes geben als nur diese Butterblumen. Sie versucht sich zurück zu erinnern, ob es schon immer so gewesen war, ob sie auch jemals etwas anderes erfahren hatte. Ihre Erinnerungen sind blass und es fällt ihr schwer sich zurück zu versetzen. In ihrem Kopf gibt es nur Butterblumen, die waren schon immer da… Oder?

Wann war es eigentlich geschehen dass sie plötzlich nur noch umgeben von diesen schönen Blumen war, wann war das und wie war es dazu gekommen? War sie selbst hierher gegangen? Ganz ganz tief in ihrem Gedächtnis erinnert sich Loudida schleierhaft an eine Zeit wo noch alles anders gewesen war. Sehr blasse Bilder tauchen in ihr auf, kaum greifbar und womöglich nur Produkte ihrer Fantasie. Sie bekommt ein Gefühl, ein leichtes Kribbeln und eine gewisse Sehnsucht steigt in ihr auf.

Vielleicht gab es da damals auch Dinge die schön waren, die ihr Herz berührten.. Vielleicht waren es nicht nur die Butterblumen die sie jetzt massenweise um sich hatte, die sie erwärmen konnten, die Liebe in ihr aufsteigen lassen konnten.. Wer weiß, womöglich gab es eine Vielzahl an Dingen die ihr Freude bringen konnten, die ihr Herz zum Lachen bringen würden..

Mit diesem Gedanken fühlt sie sich freudig und auch ein wenig traurig. Sie war schon so weit gereist, kilometerweit war sie in diesen Feldern umher gestreunt, galoppiert, sie hatte schon so viel gesehen.. doch nie ein Ende dieser weiten Ebenen voll mit Butterblumen. Wie sollte sie jemals daraus heraus finden? Wenn sie doch bisher in all ihren Unternehmungen nichts anderes gesehen hatte, wie sollte es dann jemals möglich sein dass sie alleine heraus finden würde in diese andere, weite Welt. Diese andersartige Welt, wo, wer weiß was, auf sie warten würde… Vorausgesetzt diese Welt existierte überhaupt.

Loudida wird ganz schwer ums Herz. Sie fühlt sich überfordert, weiß nicht was sie tun soll. Sie hat keine Karte, keinen Kompass, sie hat kein Wissen über die Geografie dieser Länder. Alles was sie weiß sind Butterblumen. Niemals wird sie in der Lage sein selbstständig den Weg zu finden… Loudida ist deprimiert und trabt unglücklich vor sich hin.

„Butterblumen… blöde Butterblumen, überall nur Butterblumen. Ich kann sie nicht mehr sehen! Ich habe genug davon.“

Alles was Loudida hat, ihr ganzer Schatz, ihr ganzer Stolz und Besitz – Butterblumen – ödet sie plötzlich an und sie möchte am liebsten nie wieder eine solche Blume sehen… Aber nein, Loudida ist vernünftig. Sie liebt Butterblumen noch immer, sie fühlt sich noch immer berührt von diesen zarten Pflänzchen. Aber es könnte schon mal etwas anderes daher kommen. Immer nur dasselbe zu sehen, das wird irgendwann langweilig und lässt den Verstand abstumpfen. Neue Erfahrungen müssen her, neue Erlebnisse, Gefühle.

Ja, danach sehnt sie sich. Nach richtigen Erlebnissen, Spannung und Spaß. Mit dieser Vorstellung wiehert Loudida laut auf und tanzt ein bisschen auf der Stelle. Ja, das wäre so wunderbar und würde so viel Freude machen. Hhhhuuuuuhhhhh…

Sie stellt sich vor was es alles noch so geben könnte, außerhalb dieser Felder voller Butterblumen, wie die Welt dort wohl sein könnte. Und sie findet es spannend. Sie ist ganz aufgeregt und freut sich bei den Bildern die ihr in den Kopf kommen.

Eine mysteriöse Welt muss das sein, voller Abenteuer und Aufregung. So vielseitig, mit vielen unterschiedlichen Pflanzen und Tieren, mit ganz merkwürdigen Wesen, und ganz besonders, noch mehr von ihrer Sorte. Ja, noch mehr Einhörner würden dort sein, das wusste sie ganz genau. Bei dem Gedanken wurde ihr etwas mulmig.. würden sie ihr gut gesinnt sein? Oder würden sie sie vielleicht sogar angreifen? Würden sie so sein wie sie? Auch weich innendrin, voller Gutmut und Herzlichkeit, oder würden sie womöglich gemein sein und sie ärgern? Diese Vorstellung ist ihr unangenehm und sie fragt sich plötzlich doch wieder ob sie wirklich da raus müsste. Hier war es doch ganz schön, sie hatte alles was sie brauchte und sie war glücklich. Nichts was ihr fehlte…

So vergehen ein paar Tage und Loudida trabt so vor sich hin, ganz in Gedanken versunken bei dieser ungewöhnlichen Welt die in ihrem Kopf immer mehr Gestalt annimmt. Immer deutlicher sieht sie die Formen und Gestalten, die Farben und Konturen. Immer intensiver werden ihre Gefühle und die Sehnsucht die sie nach diesen Orten empfindet. Mit jedem Tag spürt sie ein stärkeres Verlangen danach diese Orte besuchen zu können, dort an den heimischen Blumen zu riechen, sich darin zu wälzen, die Gräser und Büsche zu betrachten, die großen majestätischen Bäume. Auch Flüsse würde es dort geben, große tosende Wasserfälle und frische lebendige Quellen die vor sich hin sprudelten. Loudida sieht vor ihrem inneren Auge riesige Berge, Felsen die so hoch waren dass sie deren Oberseite von unten nicht betrachten konnte. Alles völlig unvorstellbar für Loudida, die nur dieses ebene Gelände kennt, ein Meer aus Butterblumen. Dass es da draußen solch riesige wunderschöne Gebilde geben konnte, solch atemberaubende Höhen und Tiefen…wow. Beim Anblick dieser Bilder ist Loudida sprachlos. Da wird sie ganz still und ehrerbietig, unfähig Worte zu finden für diese Schönheit die sich da in ihrem Verstand als Bilder offenbart. Solch schöne Orte, die muss sie einfach mit eigenen Augen zu sehen bekommen. Sie muss einfach..!

Die Zweifel diese Orte niemals finden zu können verfliegt nach und nach immer mehr aus Loudidas Denken. Denn sie sieht sie ja, vor ihrem inneren Auge, da sind sie klar und deutlich zu sehen. Sie existieren bereits. Und auch wenn sie sie nicht um sich herum sieht, so sind sie ja doch da, sehr präsent und lebendig, in ihren Gedanken.

Immer mehr lebt Loudida in ihrer Fantasiewelt. Sie liebt noch immer die Welt um sie herum, die vielen Butterblumen, sie isst noch immer von ihnen und genießt es noch immer sich darin zu baden. Doch ihr Herz schlägt diese Tage für die andere Welt, die Welt da draußen, die momentan nur in ihrem Kopf Gestalt annimmt. Sie hat sich in diese Welt verliebt. Sie wartet sehnsüchtig jeden Tag darauf ihr zu begegnen, sie fühlen zu dürfen, so ganz echt und richtig zum Anfassen. Ihre Freude und Sehnsucht steigt mit jedem Tag und es brennt ihr schon im Bauch, so stark ist ihr Verlangen. Loudida sehnt sich so sehr, dass sie oft sogar vergisst zu essen und sich zu pflegen. Sie ist in Gedanken ganz woanders. Sie lebt schon ganz woanders.

Nun kommt es also zu Zeiten vor dass sie mit den Butterblumen schmust, doch in ihrer Vorstellung schmust sie mit den Pflanzen und Blumen dieser anderen Welt, oder sogar mit einem anderen Einhorn. Was ihr sehr befremdlich vorkommt, denn sie kann sich nicht vorstellen wie sich dieses anfühlt und welche Empfindungen es bei ihr auslösen könnte. Aber trotzdem spielt sie mit diesem Gedanken. Sie spielt nur, ganz kindlich, ganz unschuldig. Aus der Reinheit heraus, aus der Unverfälschtheit purer Gedanken.

Und dennoch dauert es eine lange lange Zeit, eine gefühlte Ewigkeit, bis sich in Loudidas Leben eine Änderung einstellt. So lange hatte sie geträumt, so lange schon in dieser anderen geheimnisvollen Welt gelebt, so lange geglaubt und nicht aufgegeben. Niemals die Hoffnung auf diese wunderschönen und abenteurreichen Orte verloren. So lange fest daran geglaubt dass sie wirklich existieren würden. Schon so lange keinen noch so kleinen Zweifel mehr zugelassen. So lange schon ein kraftvolles geballtes Gefühl in der Brust gepflegt, ein Gefühl der Stärke und der Zuversicht, ein so mächtiges Gefühl dass es Berge versetzen könnte. Gepflegt und gehegt, liebevoll und voller Vertrauen, auf dass es aufblühen möge und sich in die Wirklichkeit umsetzen würde.

Da sie so sehr glaubt, so sehr und so lange anhaltend an ihrem Traum festgehalten hatte, tun sich im Universum mächtige Kräfte zusammen die sich ihrer Bitte annehmen und sich gegen jeglichen Widerstand durchsetzen, Hebel umlegen, Riegel entfernen, Türen öffnen, andere Türen schließen die nicht mehr gebraucht werden, Pfade erschaffen wo es noch keine gegeben hatte, Hindernisse entfernen die das Wandeln auf einem Weg erschwerten. Gewaltige Kräfte, gottgleich, tun sich zusammen und arbeiten Hand und Hand daran für Loudida ihren Traum in die materielle Welt umzusetzen. Es ist eine Gnade, ein Geschenk. Ein Segen voll mit Gottes Liebe. Voller Zuneigung und Zärtlichkeit für dieses Wesen, für Loudida, eines seiner Kinder. Dem er seinen sehnsüchtigen Wunsch erfüllen möchte.

So kommt es also dass das Leben ihr einen Boten schickt. Einen Gesandten Gottes, ein Wesen das so ist wie Loudida, liebevoll und voller Herzensgüte. Einer der ihr gleich ist, zart bis in die kleinste Zelle, gütig und voller Liebe für alle Wesen. Ein prächtiges Einhorn, von anmutiger schöner Gestalt.

Eines Tages, Loudida trabt gedankenversunken vor sich hin, da schreckt sie plötzlich zusammen und sieht kaum ein paar Meter vor ihr, dieses schöne und sonderbare Wesen stehen. Sie kann es kaum fassen, wie kam dieses Einhorn hier her? Ganz offensichtlich ist es ein Wesen wie sie, und obwohl sie ihr eigenes Spiegelbild nicht zu sehen bekam, so weiß sie doch instinktiv dass es von ihrer Art ist. Sie mustert es, wie es so da steht. Ein wunderschöner schwarzer Hengst, gut gebaut und mit voller schöner Mähne. Er steht da und bewegt sich nicht. Keinen Mucks tut er, und Loudida fragt sich einen Moment lang ob er wirklich lebte oder nur eine Einbildung war. War sie jetzt etwa total verrückt geworden dass sie schon halluzinierte? Hatten ihre Träume Überhand genommen und täuschten nun ihre Sinne? Ganz verwundert schaute sie ihn an. Wer mochte dieser Fremde sein und was machte er hier an diesem einsamen Ort wo sie doch schon jahrelang niemandem mehr über den Weg gelaufen war..

Eine Weile vergeht, dann blinzelt er und spricht:

„ Hallo Loudida, bitte erschrecke nicht. Ich bin gekommen um dich zu holen.“

Loudida ist fassungslos. Jetzt fängt die Halluzination schon an mit ihr zu sprechen.

„Was? Wer bist du? Bist du echt?“ fragt sie etwas ungläubig.

„Ja Loudida. Mein Name ist Rodan. Ich bin gekommen um dich von hier fort zu bringen.“

„Fort? Wohin fort? Gibt es einen anderen Ort als diesen hier?“

„Ja. Möchtest du mit mir kommen? Ich kenne den Weg.“

„Hier raus? In ein anderes Land? Oh jaaa.“

Würden ihre Träume nun wirklich Gestalt annehmen? Loudida fühlt sich wie in Trance, ganz schwindelig ist ihr und sie glaubt zu träumen. So geht sie also mit dem Fremden mit, setzt ein Bein vor das andere, aber so ganz Herr ihrer Sinne ist sie nicht. Sie kann es einfach nicht glauben.

Weg.. in ein anderes Land.. war es denn möglich? War nun wirklich der Moment gekommen an dem alles wahr werden würde, all ihre Wünsche, ihre Träume?

Es ist so sonderbar neben diesem fremden Einhorn entlang zu schreiten, so lange hatte sie doch alleine gelebt, niemanden sonst gesehen. Alles fühlt sich surreal für sie an, wie aus einer anderen Welt. Erst nach und nach beginnt sie zu begreifen dass das ganze gerade wirklich passiert. Dass es keine Einbildung ist. Rodan erklärt ihr vieles während ihrer Reise. Er schreitet zielsicher voran und wirft hin und wieder liebevolle Blicke zu Loudida hinüber.

Tut mir leid.“ sagt er nach einer Weile. „Ich muss dich total überrempelt haben. Du warst so lange hier gewesen, mein Anblick muss dich ganz verschreckt haben. Ich weiß du träumtest von einem schönen Ort, wir alle, die wir dort wohnen haben deine Bitten vernommen. Selbst wir wussten nicht wo du dich aufhältst und wie wir zu dir finden könnten. Deshalb konnten wir lange niemanden los schicken um dich zu holen. Dein Wunsch war erst nur sehr schwach zu vernehmen, doch mit jedem Tag spürten wir ihn stärker und beschlossen etwas zu unternehmen.

Zuerst war das nicht möglich, denn als wir merkten aus welcher Richtung deine Bitte kam war uns klar dass es schwer sein würde ihm nachzugehen. Ja schier unmöglich war es uns, wussten wir doch dass sich dort die verlorenen Täler befanden, ein abgeschiedener Ort zu dem wir schon seit Jahrzehnten keinen Zugang mehr hatten. Die Überlieferungen sprachen von einem einzigen Weg der aber durch einen Erdrutsch über die Zeit verschüttet wurde. Wir sahen also keine Möglichkeit zu dir zu gelangen. Und so konnten wir nichts tun, wir waren völlig machtlos, war der Weg doch unzugänglich.. und dein Bitten doch so stark. Es tat uns im Herzen weh dir nicht zur Hilfe kommen zu können.

Und dann..“ Rodan hält kurz inne. Man spürt dass er sichtlich aufgeregt ist und auch Loudida ist am ganzen Körper gespannt, in voller Vorfreude darauf zu erfahren welches Wunder wohl passiert sein möge, wie es zu erklären war dass Rodan nun hier bei ihr war.

Gestern Abend ist es dann passiert. Ein wildes Unwetter, eine schiere Flut ist über uns herein gebrochen. Wir versteckten uns alle in Höhlen wo wir einigermaßen in Sicherheit waren, aber draußen tobte der Wind. Der Regen prasselte nur so herab, es bildete sich in den Bergen eine große Flutwelle die haufenweise Schutt und Steinbrocken mit sich mit riss, hinab in die Tiefe. Die Auswirkungen haben wir erst heute Morgen zu sehen bekommen, als es wieder einigermaßen ruhig geworden war. Ansonsten hat der Sturm nicht viel angerichtet, aber als ich hinüber schlenderte zu dem Pfad der in eben diese verlorenen Täler führt, da konnte ich sehen dass ein begehbarer Weg sich aufgemacht hatte. Ich konnte es kaum fassen.. musste ich doch erst einmal sicher stellen dass auch der ganze Weg bis hinab ins Tal frei war. Schnell sagte ich den anderen Bescheid und sehr bald bekam ich die Erlaubnis mich auf zu machen um dich von hier weg zu holen. Nicht eine Sekunde habe ich gezögert, ich stieg den steilen und immer noch sehr schwer passierbaren Weg hinab und unten angekommen konnte ich dich sehr schnell ausfindig machen.“

Das ist ja unglaublich“ sagt Loudida leise vor sich hin, sie ist noch immer völlig sprachlos und braucht erst einmal eine Zeit das Gehörte zu verarbeiten.

Eine Weile vergeht, noch immer weite Wiesen voller Butterblumen um sie herum. Noch immer in den verlorenen Tälern.. Doch bald kommen die beiden an einen schmalen Weg der hoch in die Berge führt. Loudida kann sich nicht erinnern hier schon einmal gewesen zu sein. Vielleicht früher einmal.. Aber mit Entzücken stellt sie fest dass die Blumen überwuchterten Wiesen hier ihr Ende nehmen. Vor ihr liegen erdige Wege, voller kleiner Steine. Am Rande zwischen diesen beiden Welten bleibt Loudida stehen. Es fühlt sich für sie an wie Abschied nehmen. Sie müsste nun alles hinter sich lassen, alles was sie bisher kannte, was ihr vertraut war. Sie würde ihre Heimat zurück lassen, ihre Lieblingsstelle wo sie immer in den Blumen gelegen und sich gewälzt hatte. Sie würde ihre Lieblingsbutterblumen zurück lassen, diese welche ein so leckeres Aroma hatten und vom Geschmack her alle anderen Butterblumen übertrafen. Sie würde ihre Erinnerungen zurück lassen. Um Platz zu machen für Neues. Und wenn sie so darüber nachdenkt, so viel gab es da gar nicht was sie gehabt hatte. Es macht ihr also in diesem Moment nicht viel aus diesen einen Schritt zu gehen, ein kleiner Schritt mit den Hufen, und sogleich ein riesen Schritt im Leben dieses Einhorns, welches sich Loudida nennt.

Wie das Eintreten in eine neue Welt fühlt es sich für sie an, ein ungewohntes Gefühl auf Erde zu gehen. Ungewohnt und zugleich vertraut.

Rodan an ihrer Seite, der ihr Zeit gibt sich zu verabschieden und ihr aufmunternd zulächelt. Mit ihm fühlt sie sich wohl, obwohl sie sich nur seit kurzer Zeit kennen, aber auch er strahlt etwas Vertrautes aus, als kannten sie sich schon seit langer langer Zeit, oder aus einem anderen früheren Leben.

Loudida blickt also nun noch ein letztes Mal zurück, und sie weiß, sie wird nicht wieder zurück gehen. Also schreiten nun die beiden im Gleichschritt weiter, Rodan voraus, Loudida den Weg weisend. Sie legen ein gutes Stück zurück und kommen nach einiger Zeit auf einem Plateau in den Bergen heraus. Schon unterwegs hat sich die Vegetation deutlich verändert. Loudida bekam ganz viele verschiedene Pflanzenarten zu Gesicht, lustige Tiere huschten ihr über den Weg. All dies hatte sie in ihren Träumen gesehen. Doch was sie nun erlebt ist noch viel lebendiger, viel farbenfroher. Um einiges schöner und atemberaubender als sie es sich hatte vorstellen können.

Oben erwarten sie eine ganze Gruppe Einhörner, die alle fröhlich im Kreis hüpfen und an diesem Abend ein Willkommensfest zu Ehren von Loudida feiern. Diese Welt, voller Aufregung und Spannung, voller Heiterkeit und Freude. Ja, das war genau die Welt die Loudida vor ihrem inneren Auge gesehen hatte.

Alles um sie herum versetzt sie in Erstaunen, sie kann sich über jede Kleinigkeit freuen, über jedes noch so kleine Tier. Sie liebt die Vielfalt um sie herum über alles, und auch den anderen Einhörnern die dort schon lange leben kann sie mit ihrer kindlichen Freude altbekanntes wieder in neuem Licht erstrahlen lassen. So freut sie sich zum Beispiel riesig über die bunte Blumenwiese die im Herzen der Einhornsiedlung wächst. Jede einzelne Blume erschnuppert sie, atmet ihr Aroma genüsslich ein und probiert ein Stückchen davon. Sie ist überwältigt von dem Geschmackserlebnis und kommt nicht mehr aus dem Staunen heraus. Jeden Bissen kommentiert sie mit einem „Hmmmm“ oder „ist das lecker!“, „unglaublich wie gut das schmeckt“ und hüpft dabei vor Freude auf der Stelle. Für die anderen Einhörner ist dies eine tolle Erfahrung Loudida so erfreut zu sehen über diese alltäglichen Dinge, Blumen die sie schon seit Anfang ihres Lebens jeden Tag zu sich genommen haben und denen sie gar nicht mehr so viel Beachtung schenkten. Doch jetzt fühlen auch sie sich wieder aufs Neue richtig dankbar für diese wunderschöne Schöpfung und für die atemberaubende Welt in der sie leben dürfen, dieses Paradies welches sie ihr Zuhause nennen dürfen.

Loudida macht sich viele Freunde an diesem Ort, mit den Jahren gewöhnt sie sich an die Ansichten und Gewohnheiten dieses Volkes und lebt sich immer mehr ein. Und auch eine Familie gründet sie zusammen mit Rodan, welcher ihr immer mehr ans Herz gewachsen ist und in den sie sich sehr schnell verliebt hat. War er es doch gewesen der sie in diese neue schönere Welt gebracht hat, und er, der gewusst hatte dass Loudida für ihn etwas Besonderes war, seit dem ersten Moment als er ihr Bitten vernommen hatte.

Doch kein Tag vergeht an dem Loudida nicht über die Natur staunt, voller Freude im Kreis hüpft angesichts dieser Artenvielfalt und bunten Welt um sich herum. Kein Tag an dem sie vergisst wie eintönig ihr Leben gewesen war und wie sehr sie sich nach diesem herrlichen paradiesischen Ort gesehnt hatte, kein Tag an dem sie nicht Dankesgebete gen Himmel sandte, um sich zu bedanken, danke zu sagen für alles was sie nun hatte, danke dafür, dass ihre Bitten erhört wurden.

Jeder Tag war ein himmlischer Traum, ein Fest der Sinne, ein Genuss zu leben und sich geliebt zu fühlen. So lebt Loudida bis ans Ende ihres Lebens, voller Freude und Glückseligkeit und an ihrem letzten Lebenstag schläft sie glücklich und unbekümmert ein, hatte sie doch ihr Leben in Reichtum gelebt, in Liebe und Zufriedenheit. Und auch ihre Kinder würden in Glück leben können, mit Liebe zur Natur und Liebe im Herzen für alle Wesen. Ein besseres Leben hätte sich Loudida nicht vorstellen können. Und ebenso wenig ein besseres Ende für ihr eigenes Leben. Wo Loudida begraben wird wachsen nur Butterblumen, nichts anderes, und noch viele Jahrhunderte lang wird an diesem Platz ihre sonderbare Geschichte erzählt.

ENDE

07.01.2015

 

P.S.: Loudida erzählte mir, dass Butterblumen sogar ihre Lieblingsblumen sind. Mich hat das sehr verwundert. Denn für gewöhnlich nennt man diese Blume „kriechender Hahnenfuß“ und ist eine gefürchtete Giftpflanze im Garten. Gärtner versuchen dieses Unkraut üblicherweise nur los zu werden. Da es sich in Scharen ausbreiten kann. Als Giftpflanze sieht der Mensch dann auch keinen Nutzen in ihr, da man sie ja nicht essen kann. Ich finde, es ist eine große Gabe in solch einer unerwünschten Pflanze das Gute zu sehen, und dann auch noch seine Lieblingsblume draus zu machen. Das Schöne und Nützliche in dem vielleicht nicht ganz so schönen zu sehen. Das brauchen wir jetzt wirklich auf der Erde. Und man weiß ja, dass man solche Giftpflanzen z.B. homöopathisch nutzen kann, oder in der Spagyrik. Eine alchemistische Methode, die mir erst vor kurzem über den Weg gelaufen ist. Ich habe so gut wie keine Ahnung davon. Aber irgendwie muss da ja was dran sein an diesem alchemistischen Wissen aus dem Mittelalter, und sicher gab es das schon viel viel früher. Alles Wissen, das verschüttet gegangen ist. Wir dürfen das jetzt nach und nach wieder entdecken.

 

Kategorien: Geschichten

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