Einhorngeschichte Teil 4 – Zu Gast auf Planet Erde

Einhorngeschichte aus der Wahrnehmung geschrieben


Hoch hinaus

Zwei wunderschöne Engelsgestalten fliegen Hand in Hand. Sie steuern der Sonne entgegen. Die Sonne, ein riesiger gelber Ball, der sie ganz wie Magie in ihren Bann zieht. Die Sonne gibt Leben, sie gibt Kraft, Zuversicht. Die Sonne ist das Sinnbild allem Guten. Von der Sonne fühlt man sich geliebt, getragen, umhüllt von warmer liebevoller Energie.

Nicht nur diese beiden schönen Engel werden von der Sonne angezogen, im Laufe jeder Seelengeschichte befindet sich die Seele ein oder mehrere Male auf diesem Weg. Dem Weg der Sonne entgegen, diesem Ort der einem alles Schöne und nur gute Empfindungen verspricht. Wie ein Zuhause, eine Oase des Lichts.

Doch hat man nie von jemandem gehört der es wirklich bis zur Sonne geschafft hat. Denn, sollte es wirklich schon mal passiert sein, kamen diese Seelen nie zurück von ihrer Reise.

Die beiden Engel befinden sich schon sehr weit auf ihrem Weg. So nah wie sie waren nur wenige Wesen der Sonne gekommen. Doch es ist kein Wettrennen. Irgendwann in jedem Leben kommt der Punkt wo man wie verzaubert ist von dieser hellen Kugel und man wünscht sich nichts mehr als sie berühren zu können, mit ihr zu verschmelzen und eins zu werden.

El Cementiri Vell de Poble Nou (Barcelona)“ von ferran pestaña ist lizensiert unter CC BY-SA 2.0

 

Doch gibt es viele Geschichten von Wesen die auf ihrer Reise umkehren mussten. Denn die Sonne strahlte so hell, dass sie es nicht mehr aushielten und kurzerhand Abstand nehmen mussten. So wundervoll ihre Energie auch ist, so sehr schmerzt sie aber wenn man noch zu viele Schattenseiten in sich birgt. Nur die reinsten Seelen können der Sonne am nächsten kommen ohne Schmerzen davon zu tragen.

Die beiden Engel unserer Geschichte haben damit jedoch keine Probleme. Sie haben ein stetiges Tempo und übernehmen sich nicht. Immer ein Flügelschlag nach dem anderen, der Sonne entgegen. Auch ist es ungewöhnlich, dass zwei Wesen diesen Weg gemeinsam auf sich nehmen. Die meisten sind alleine unterwegs, ihre Seelenpartner etwas weiter über oder unter ihnen. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Belastbarkeit. Doch diesen beiden Engeln scheint es am wichtigsten zu sein ihre Reise gemeinsam anzutreten. Es eilt nicht.

Es ist ein Moment des vollkommenen Glücks. Keine Gedanken an das Gestern oder Morgen. Einfach nur ein sanftes Treiben-Lassen, wie auf den Weiten des Ozeans. Doch so harmonisch dieser Moment, wie traumhaft das Bild, so plötzlich geschieht etwas völlig Unerwartetes und stört die friedliche Atmosphäre.

 

Absturz

Es riecht leicht verbrannt, die Flügel tun ihre Arbeit nicht mehr und bevor die beiden richtig realisieren können was passiert, verlieren sie schlagartig an Höhe und stürzen hinab in die weite Tiefe.

Als sie wieder zu sich kommen fühlen sie sich wie erstarrt. Was war nur geschehen? Sie schauen um sich und realisieren, dass sie auf einem fremden Planeten gelandet sind. Der Schädel brummt ihnen und sie brauchen einige Zeit um zur Besinnung zu kommen.

Eben noch sind wir geflogen…und nun..sind wir hier..“ sagt er ganz benommen.

Und schau mal deine Flügel an. Die sind ja ganz zerfleddert. Die Sonne muss uns zu heiß geworden sein. Das haben die Flügel nicht ausgehalten.“

Ja..so muss es gewesen sein.“ sagt sie nachdenklich. „ Aber was machen wir jetzt?“

Schauen wir uns hier erst einmal richtig um.“

So ziehen die beiden also Hand in Hand los und begutachten diesen fremden Ort. Hier geschehen so manch seltsame Dinge. Menschen leben in großen Klötzen ganz eingepfercht und unnatürlich. Auch verhalten sie sich abweisend, keiner grüßt sie oder wünscht ihnen einen schönen Aufenthalt. Sie alle haben keine Flügel und sprechen die beiden auch nicht auf ihre an. Ob sie sie am Ende vielleicht gar nicht sehen können?

Die zwei haben Schwierigkeiten sich dem menschlichen Leben anzupassen. Doch es bleibt ihnen nichts anderen übrig. Ihre Flügel heilen nur sehr langsam und auf andere Weise können sie die Erde nicht verlassen. So müssen sie sich nun also abfinden mit der Situation. Sie beschließen das Beste daraus zu machen. Sie suchen sich einen Ort den sie ihr Zuhause nennen, gliedern sich in die Gesellschaft ein und tun ihr Bestes um nicht negativ aufzufallen. Sie leben ein einigermaßen angepasstes Leben. Niemand merkt, dass sie nicht wirklich von hier sind. Dafür sind die Menschen auch einfach zu unaufmerksam und zu verstrickt in ihren täglichen Sorgen.

Diese beiden Engel leben meist für sich. Mit den meisten Menschen können sie nicht viel anfangen. Diese sind einfach viel zu oberflächlich und plagen sich lieber mit Problemen, als dass sie sich den schönen Dingen des Lebens zuwenden würden. Das ist viel zu anstrengend und die beiden können dort auch nicht so richtig mitreden. Denn diese ganzen weltpolitischen Dinge bekommen sie nur am Rande mit. Die Menschen sollen halt tun was sie für richtig halten..aber einmischen wollen sie sich in ihre Angelegenheiten nicht.

Insgesamt verhalten sie sich eben so, wie es sich für einen guten Gast gehört.

Wenn man bei einem anderen Menschen zu Gast ist, dann gibt es ein paar Anstandsregeln. Ein guter Gast ist vorsichtig, denn er möchte ja nichts kaputt machen. Er hält sich aus Familienangelegenheiten heraus , denn jede Familie regelt Erziehung und das gemeinsame Miteinander anders. Er ist aufmerksam und interessiert, aber so distanziert dass er die Angelegenheiten anderer nicht zu den Seinen macht. Ein guter Gast beschwert sich nicht, er stellt keine Ansprüche sondern zeigt sich bescheiden. Er ist höflich und zurückhaltend.

Mit dieser Einstellung würden sie nicht groß auffallen, und es würde sich auch niemand von diesen beiden Besuchern auf den Fuß getreten fühlen. Denn sie hatten ja eh nicht vor lange zu bleiben. Sobald sich ihre Flügel wieder erholt hätten würden sie diesen Planeten wieder verlassen.

So denken sie jedenfalls am Anfang..

 

Die Zeit vergeht..

Doch die Jahre gehen ins Land. Das menschliche Leben mit all seinen Pflichten und Zerstreuungen macht sich breit und schon nach kurzer Zeit finden sie sich im Hamsterrad des Alltages wider. All die Vorzüge und Ablenkungen des irdischen Daseins haben sie ganz eingenommen, sodass sie schon sehr schnell vergessen, dass sie Engel sind und ursprünglich nur kurz auf der Erde hatten verweilen wollen. Ihre Flügel verblassen in ihrer Wahrnehmung, bis sie sie schon bald gar nicht mehr spüren und auch nicht mehr sehen können. Sie werden zu Menschen und leben ein ganz gewöhnliches menschliches Leben.

 

Statues of Guardian angels in the Philippines“ von Judgefloro ist lizensiert unter CC BY-SA 4.0

Als dann auch noch 2 Kinder folgen verblasst gleichsam die letzte kleine Erinnerung an ein früheres Leben. Diese beiden wunderbaren Wesen, die ihre Herzen erwärmen, und ihnen so ähnlich sind, lieben sie so sehr, dass sie nun zum ersten Mal das Gefühl haben richtig auf der Erde Fuß gefasst zu haben. An eine Abreise ist gar nicht mehr im Entferntesten zu denken. Denn nun haben sie sich hier ein warmes, kuscheliges Nest geschaffen. Hier, auf diesem oft trostlosen Planeten, mit vielen unglücklichen Menschen, haben sie sich ihre eigene Oase des Lichts kreiert.

 

Erwachen

Wieder vergeht sehr viel Zeit. Die Kinder sind nun aus dem Haus und die Erwachsenen genießen traute Zweisamkeit. Die beiden Wesen, die noch immer Engel sind, doch vollkommen ihre wahre Gestalt vergessen haben, so sehr hatten sie sich angepasst an das Irdische, sitzen gemütlich im Garten und genießen mit geschlossenen Augen den Sonnenschein. Beide versinken regelrecht in der warmen liebevollen Energie und geraten in einen leicht tranceartigen Zustand. Die letzten Jahre waren turbulent gewesen. Nicht mehr hatten sie nur ihre eigenen Probleme, sondern auch die ihrer Kinder vor Augen gehabt. Es hatte immer viel zu tun gegeben, kaum Zeit zum Entspannen und zum zur Ruhe kommen. Doch heute ist so ein Tag an dem sie einfach mal die Seele baumeln lassen.

Beide fühlen sich wie in einem Traum. So wie sie sich von der Sonne einhüllen lassen, bekommen sie beide unbewusst das Gefühl ihr entgegen zu fliegen. Ja, das fühlt sich gut an. Ein warmes, wohliges Gefühl überkommt sie. Ein Schauder, so, wie wenn man sich irgendwie an etwas erinnert fühlt aber man weiß nicht genau an was. Der Sonne entgegen..hmmm…immer näher an die Sonne.. so schön.

..Und dann…

Beide schrecken schlagartig aus ihrem Traum hoch. Oder war es doch kein Traum gewesen?

Nun erinnern sie sich wieder. An ihre Reise… an den Absturz.

Wie konnten wir das nur vergessen??“ fragt sie sprachlos.

Das ist doch nicht möglich. Wir sind hier auf der Erde gelandet und wollten nur kurz verschnaufen bis unsere Flügel geheilt waren. Und jetzt sind wir schon Jahrzehnte hier und sind so eingetaucht ins menschliche Leben, dass wir alles vergessen haben.“

Alle Bilder huschen blitzartig durch ihren Geist. Ihre gesamte Vergangenheit, und ihr Leben auf der Erde.

Wir hatten in die Sonne fliegen wollen.“ sagt er. „Mehr als nichts anderes auf der Welt hatten wir das gewollt.“

Das kommt mir jetzt irgendwie so komisch vor.“ wirft sie ein. „Ich verstehe nicht warum wir das so sehr wollten.“

Die beiden grübeln noch eine Weile über ihre damaligen Beweggründe und über den Verlauf ihres jetzigen Lebens.

Irgendwie… finde ich es jetzt nicht mehr so wichtig ins Licht zu fliegen.“ meint er.

Sie stimmt ihm zu. Beiden war klar, dass sie irgendwann wieder Abschied nehmen würden von der Erde, aber die Zeit war noch lange nicht gekommen. Jetzt hatten sie hier ja Kinder, und die könnten und wollten sie nicht im Stich lassen.

Mit der Erkenntnis verfeinern sich ihre Sinne wieder und sie können ihre Flügel erneut spüren und sehen.

Wow!“ ruft sie aus. „So ein tolles Gefühl!“

Sie hatten sich beide schon lange nicht mehr so sehr ganz gefühlt. Die Erkenntnis ein Engel zu sein rückt all die Dinge und Geschehnisse aus dem momentanen Leben in ein vollkommen anderes Licht. Jetzt verstehen sie auf einmal wieso sie sich die ganze Zeit so verhalten hatten als würden sie gar nicht richtig auf der Erde wohnen. Unterbewusst hatten sie all die Jahre noch daran gedacht dass sie nur kurz bleiben wollten und das Gefühl eines vorübergehenden Aufenthaltes war geblieben.

Doch jetzt waren sie schon Jahrzehnte hier auf der Erde. Da könne man doch wohl kaum mehr von einem kurzen Besuch sprechen?!

Beide sind überglücklich mit ihrer Erkenntnis. Es gibt ihnen Mut, eine neue schöne Perspektive, und den Wunsch sich mehr auf die Menschen einzulassen und sich unter sie zu mischen.

Sie wollten nun die Menschen nicht mehr wie aus der Ferne betrachten, mit Distanz, so wie man sie im Fernseher beobachtet. Nein, nun wollten sie sich mehr einmischen und auch mal ihren Senf dazu geben. Denn nicht alle Menschen waren schlecht. Es gab da sehr viele die von ihnen lernen könnten.

Doch was sollten sie den Menschen vermitteln?

Wir waren der Sonne so nah wie nur wenige Wesen es zuvor geschafft haben. Es muss da doch irgend etwas geben was wir anderen beibringen können.“ überlegt er.

Was haben wir denn von der Sonne gelernt? Wir waren so lange in ihrer sanften Energie gewesen, wir wissen was das für ein Zustand ist, und er ist für uns völlig natürlich. Und hier auf Erden haben wir uns ja selbst ein Nest geschaffen. So ein Nest, nach dem Vorbild der Sonne. Wir sind sozusagen selbst zur Sonne geworden. Indem wir all ihre Eigenschaften auf unser Dasein hier auf der Erde übertragen haben. Und dann haben wir das natürlich auch auf unsere Kinder übertragen. Die eben in dieser liebevollen behüteten Energie aufgewachsen sind. Die wir beide erschaffen haben.“

Das alles fühlt sich so gut an. Beide stehen auf und machen einen großen Sprung. Sie liegen sich in den Armen. So schön..!

Diesen Verlauf der Dinge hätten sie sich selbst nicht ausdenken können. Das Leben war mal wieder unübertroffen!

Was nun..?

Mit der Erinnerung an ihr wahres Wesen und an ihre Andersartigkeit wird ihnen klar, dass sie für die Menschen Botschafter sein können. Botschafter des Lichts und der Sonne. Auch ihre Namen ergeben in diesem Kontext Sinn. … (der Bote) und … (Stern, also Sonne). Als Engel sind sie auf die Erde gekommen um den Menschen die Sonne mit allem wofür sie steht zu vermitteln. Sie wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht was genau sie tun können und wie sie helfen können, doch die Zeit wird es zeigen.

Ende

17.03.2016

 

Bild im Header: „Ukrainian Catholic Church of the Immaculate Conception angels“ by Krazytea, is licensed under CC BY-SA 4.0

 

Kategorien: Geschichten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.